Ausgrenzung kennt viele Facetten

Was es heißt, mit einem Rollstuhl unterwegs zu sein, bringen die „Aktionstage für Menschen mit Behinderung“ auch Bürgern ohne Handicap näher.
Was es heißt, mit einem Rollstuhl unterwegs zu sein, bringen die „Aktionstage für Menschen mit Behinderung“ auch Bürgern ohne Handicap näher.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Experten der Verwaltung arbeiten an einem lokalen Konzept, das Menschen mit Handicap die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Die Umsetzung beginnt mit Bewusstseinsbildung.

Bottrop..  Der Begriff „Inklusion“ ist zu einem Schlagwort geworden, das viele Menschen mit dem gemeinsamen Lernen in der Schule verbinden. Dabei meint die UN-Behindertenrechtskonvention sehr viel mehr. Moritz Brunecker, Sozialplaner im Sozialamt, beschreibt Inklusion als „Teilhabe von Menschen am gesellschaftlichen Leben trotz ihrer Einschränkungen. Die dürfen nicht der Grund dafür sein, dass sie von Dingen, die für andere selbstverständlich sind, ausgeschlossen werden.“

Daher erarbeitet die Verwaltung einen Aktionsplan für Menschen mit Handicap. Ziele: ein Bewusstsein über ihr Leben zu entwickeln und zu stärken. Und Barrieren abzubauen bzw. zu verhindern. Mit den ersten Ergebnisse geht es am 18. Februar in den Behindertenbeirat.

Bewusstsein bilden

Ausgrenzung entsteht oft unbewusst. Es kommt daher auf Bewusstseinsbildung an. Immer wieder soll das Thema öffentlich gemacht werden. „Zum Beispiel beim Aktionstag für Menschen mit Behinderungen“, so Brunecker. Das dortige Angebot, mit verbundenen Augen einen Parcours zu durchlaufen oder selbst Rolli zu fahren, würde helfen, „über Erleben Bewusstsein zu bilden“, sagt auch Abteilungsleiterin Karen Alexius-Eifert.

Barrieren sind oft baulicher Art, aber nicht nur. „Selbst Sprache kann eine Barriere sein“, sagt Alexius-Eifert mit Blick auf geistig Behinderte. Brunecker glaubt: „Wenn die Leute ein Gefühl dafür entwickeln, dass es Menschen gibt, die immer wieder vor Barrieren stehen und man sich ihrer annimmt, wird das Gefühl der Teilhabe gestärkt.“

In Zusammenarbeit mit weiteren Verwaltungsfachbereichen haben die Experten zunächst eine Bestandsanalyse vorgenommen. Wie sieht die Gruppe der Betroffenen aus? Welche Einschränkungen haben sie? Wo leben sie? Die Analyse ist noch unfertig, aber aus der Statistik lässt sich sagen: In Bottrop leben über 11 600 Menschen mit Schwerbehinderung. „Nicht jeder, der da erfasst ist, ist in seiner Alltagskompetenz so eingeschränkt wie beispielsweise Rollstuhlfahrer“, sagt Alexius-Eifert.

Um genauere Erkenntnisse zu erhalten, ziehen die Fachleute auch Statistiken der Eingliederungshilfe (gewährte Unterstützung z.B. beim Wohnen, Arbeiten) zu Rate. Die so gewonnenen Daten über Art der Behinderung und Wohnort lassen sich auf einem Stadtplan darstellen.

Gleichzeitig trugen die Sozialplaner die vorhandenen Angebote für Menschen mit Handicap zusammen und blickten dabei auf elf Themenfelder, darunter Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Mobilität, Offene Verwaltung. Grundsätzlich ist ein Ziel der Inklusion, gängige Angebote für alle zu öffnen.

In den Arbeitskreisen darf jeder mitmischen

Bei der Bestandsaufnahme der Angebote zeigte sich: Es gibt Bereiche, wo spezielle Angebote gemacht werden wie Freizeiten für Menschen mit geistiger Behinderung. Es gibt aber auch schon Felder, die offen gehalten sind für alle. Brunecker nennt als Beispiele städtische Kulturveranstaltungen, Musikschule, VHS: „Ob Theaterworkshop oder Band – niemand muss Sorgen haben, da mitzumachen.“

Auch die Kletterkurse des Sportbundes etwa seien offen für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf. Nur sind diese Möglichkeiten nicht immer allen bekannt. Daher ist auch geplant, sämtliche Angebote im Internet zu veröffentlichen.

Zweites Halbjahr

Bei der Sitzung des Behindertenbeirats am 18. Februar soll die Bestandsanalyse bewertet und die drängendsten Themenfelder herausgearbeitet werden. Dem entsprechend werden dann im zweiten Halbjahr 2015 die ersten vier bis fünf Arbeitskreise ihre Arbeit aufnehmen. Mitmischen darf dabei jeder – Vertreter der Behindertenverbände, nicht organisierte Betroffene, Angehörige, weitere Interessierte. „Wir möchten die Menschen ermutigen, dort von ihren Alltagserfahrungen zu berichten“, sagt Karen Alexius-Eifert.

Auf dieser Basis sollen jeweils ein Leitbild und praktisch umsetzbare Ziele formuliert werden. Machbare Projekte, die das Leben der Menschen mit Handicap erleichtern sollen. Die Verwaltung wird die Arbeitskreise begleiten.

Online-Abstimmung

Gefragt werden soll an dieser Stelle auch nach Ihrer Einschätzung, liebe Leserinnen und Leser. Wo sehen sich Menschen mit Behinderungen immer noch Benachteiligungen ausgesetzt? Wo besteht der dringendste Handlungsbedarf? Machen Sie mit bei der Online-Abstimmung auf www.waz.de/bottrop,