Auf der Suche nach der Geschichte des Vaters
11.09.2012 | 18:41 Uhr 2012-09-11T18:41:00+0200
Bottrop. Im Mittelalter war es der Hochadel, der Ahnenforschung betrieb. Ihm ging es meist darum, Besitzansprüche durchzusetzen. Wer heute über seine Vorfahren forscht, den interessiert meist anderes: Er oder sie will etwas über die Herkunft der Familie und über die eigenen Wurzeln erfahren. Er will seine eigene Geschichte ergründen. Ganz wie Alfons Gayhoff. Seit rund zehn Jahren betreibt er Ahnenforschung. Ihm geht es um seinen inzwischen verstorbenen Vater Josef Gajowczyk.
Er kam vor knapp 100 Jahren nach Bottrop, etwa um 1919 herum. „Aber ich weiß kaum etwas über ihn“, sagt der heute 76-jährige Sohn Alfons. „Mein Vater hat so gut wie nicht über seine Kindheit und Jugend gesprochen.“ In Erinnerung blieben dem Sohn vor allem die letzten Lebensjahre des Vaters. „Er war lange krank, er hatte Staublunge, Silikose. Eine schlimme Krankheit, schon die kleinste Erkältung konnte den Tod bedeuten.“ Aber der Sohn wollte mehr über den „unbekannten“ Vater erfahren. Also begab er sich auf eine lange und sehr aufwändige Suche.
Geholfen hat ihm dabei der Arbeitskreis für Familienforschung, den die Historische Gesellschaft einrichtete. Unter der Leitung von Stadtarchivarin Heike Biskup gibt sie bei den regelmäßigen Treffen Anfängern und fortgeschrittenen „Forschern“ Tipps und Ratschläge für die Studien in heimischen und ausländischen Archiven, Registern und alten Kirchenbüchern und ordnet historische Hintergründe ein. So kann sie auch erklären, dass 1910 jeder Dritte in Bottrop aus den ehemaligen Ostgebieten, vor allem aus den Orten Ratibor und Ripnik in Oberschlesien kam. Und Hans Wawrzyniak, früherer Leiter des Referates „Migration“ bei der Caritas im Ruhrbistum, steht in dem Arbeitskreis für praktische Fragen in polnischen Archiven zur Verfügung und hilft bei Übersetzungen.
Die Suche, die immer noch andauert, führte Alfons Gayhoff bis nach Polen – in die Kindheit und Jugend des Vaters und gleichzeitig auch in die Geschichte des Bottroper Bergbaus. Josef Gajowczyk, wie der Familienname ursprünglich lautete, stammt aus Mittelschlesien, aus Szkaradowo, Kreis Rawice. Etwas weiter entfernt in Oberschlesien warb damals die Arenbergsche Bergbaugesellschaft Bergleute an. Wahrscheinlich wurde der Vater nicht angeworben, „aber ich weiß nicht, was mein Vater in Polen gearbeitet hat“, sagt der Sohn, „wahrscheinlich war er Landarbeiter.“
Als Kostgänger bei dem Bruder
Dessen ältere Brüder waren bereits als Bergmänner nach Bottrop gekommen, der Jüngste folgte ihnen wohl nach. Wo er damals wohnte, das musste Sohn Alfons mühsam herausfinden. „Ich wusste nur, dass er hier Brüder hatte.“ Mit diesen dürren Hinweisen suchte er zunächst in Polen, später im Bottroper Stadtarchiv und fand heraus, dass der Vater als „Kostgänger“ erst bei dem einen Bruder wohnte, dann bei einem anderen; dass er zunächst auf dem Bergwerk Fortsetzung, dann auf Prosper III arbeitete. Und dass die Brüder zwischendurch für Monate nicht in den Registern auftauchten. Vielleicht, vermutet Alfons Gayhoff, fuhren sie nach Polen und halfen bei der Ernte mit.
Alfons Gayhoff wälzte in den vergangenen Jahren mit großer Beharrlichkeit und viel Ausdauer Archiv-Akten und Belegschaftsbücher der Arenberg Bergbau. In Polen stieß er dann auch auf eine Heiratsurkunde der Großeltern, in einem ehemals preußischen Standesamt in Lesznow.
Ahnenforschung, das ist ganz offensichtlich eine Zeit-raubende, intensive Angelegenheit. Doch für Alfons Gayhoff auch eine überaus lohnende. „Es ist sehr schön, etwas über meinen Vater zu erfahren“, sagt der frühere Bau-Ingenieur. „Und ich will weiter machen. Ich möchte auch etwas über meine Ur-Urgroßeltern finden.“
Und aus der Verschwiegenheit des Vaters, die er sich aber bis heute nicht ganz erklären kann, zog er für sich Konsequenzen. „Meine Kinder sollen mehr über mein Leben wissen“, erzählt er.

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