Arzneimittelreste im Abwasser - nur Vermeidung hilft

Großanlagen wie die in Bottrop müssten unter erheblichem Aufwand umgebaut werden, um den Großteil an Arzneimitteln aus dem Abwasser zu filtern.
Großanlagen wie die in Bottrop müssten unter erheblichem Aufwand umgebaut werden, um den Großteil an Arzneimitteln aus dem Abwasser zu filtern.
Foto: Winfried Labus/WAZ-FotoPool
Was wir bereits wissen
Emschergenossenschaft und Lippeverband kommen zu dem Ergebnis: Selbst höchster technischer Aufwand erzielt keine 100-prozentige Lösung.

Bottrop..  Reste von Arzneimitteln gelangen über das Abwasser in Flüsse wie Emscher und Lippe. Ihr Einfluss auf den Menschen ist unklar. Auf Flora und Fauna wirken sie jedoch nachweisbar schädlich. Weder Experten der Emschergenossenschaft noch andere sehen derzeit eine geeignete Technik, solche Spurenstoffe gänzlich aus dem Abwasser zu eliminieren.

Die weitergehenden Reinigungsstufen, die bislang erprobt wurden, sind äußerst energie- und damit auch kostenintensiv. „Eine Großanlage wie die in Bottrop müsste mit einem immensen Aufwand umgebaut werden“, so ein Sprecher der Emschergenossenschaft. Nach deren Auffassung spielt daher Aufklärung und Sensibilisierung in den kommenden Jahren eine wesentlich größere Rolle.

Was man gegen Spurenstoffe im Wasser tun kann – von der Produktion bis zur Entsorgung – haben Emschergenossenschaft und Lippeverband in den vergangenen Jahren gemeinsam mit mehreren europäischen Partnern in dem EU-Projekt „No Pills in Waters“ untersucht. Jetzt wurden in Brüssel die wichtigsten Erkenntnisse vor einem breiten Publikum präsentiert.

Projekt läuft seit 2011

Vorausgegangen waren mehrjährige Untersuchungen. Dazu hatte die Emschergenossenschaft von 2009 bis 2011 in Gelsenkirchen auf dem Gelände des dortigen Marienhospitals eine europaweit einzigartige Spezialkläranlage gebaut: Sie verfügt im Gegensatz zu den regulären Kläranlagen über weitergehende Reinigungsstufen wie Ozonung, Membranfiltration und Aktivkohlefiltration.

In einer einjährigen Pilotphase bis 2012 wurde die Wirksamkeit der Anlage erforscht. Das Ergebnis: Während die regulären Kläranlagen bis zu 70 Prozent der Spurenstoffe beseitigen können, erzielte diese Anlage einen Wirkungsgrad von knapp über 90 Prozent. Für die Projektpartner bedeutete dies eine gute, zugleich auch eine schlechte Nachricht. Denn eine hundertprozentige Eliminierung der Arzneimittelreste aus dem Krankenhausabwasser gelang trotz der Kombination der weitergehenden Klärtechniken nicht.

In einem Nachfolgeprojekt lag daher der Schwerpunkt auf Vermeidung. Dülmen wurde als Modellstadt für das Projekt des Lippeverbands ausgewählt, mit dem untersucht werden sollte, inwieweit schon durch eine Sensibilisierung der Bevölkerung sowie der Ärzte- und Apothekerschaft die Belastung des Wassers verringert werden kann. Über gezielte Informationen sollten Verhaltensänderungen bei der Verordnung, Einnahme und Entsorgung von Medikamenten bewirkt werden, um Umweltbelastungen im Wasser zu senken.

Der Lebenszyklus von Medikamenten

Die Emschergenossenschaft und der Lippeverband hatten dabei vier weitere Partner aus dem europäischen Ausland. Die Partner aus Schottland und Frankreich haben ihre Schwerpunkte während des Projektes neben technischen Innovationen auf die Sensibilisierung der Bevölkerung gelegt. Die niederländischen Partner haben etwa basierend auf dem Lebenszyklus von Medikamenten aufzeigt, an welchen Stellen man ansetzen könnte, um den Eintrag ins Wasser zu verringern oder gar zu verhindern. Die Luxemburger haben wie die Emschergenossenschaft in Gelsenkirchen eine Urinseparationskampagne durchgeführt. Das Ziel dabei: Patienten der Radiologie sollen Röntgenkontrastmittel nicht über die Toilette ausscheiden, sondern über spezielle Urin-Beutel – die dann über den Müll entsorgt werden. In Gelsenkirchen konnte die Emschergenossenschaft in einem Probezeitraum von nur zwei Wochen rund 40 Prozent der Patienten zur Teilnahme bewegen.

Aktivitäten wie in der Modellstadt Dülmen könnten auch in anderen Städten stattfinden: an der Emscher von Holzwickede bis Dinslaken, an der Lippe von Hamm bis Wesel. Denn eines scheint sicher: Über Spurenstoffe im Wasser wird auch in Zukunft noch viel geredet werden.