„Als sei die Menschheit verrückt geworden“

Ursula Borgmann hat in mehrjähriger Arbeit die Feldpostbriefe ihres Vaters aus dem Ersten Weltkrieg transsribiert und jetzt als Buch herausgegeben.
Ursula Borgmann hat in mehrjähriger Arbeit die Feldpostbriefe ihres Vaters aus dem Ersten Weltkrieg transsribiert und jetzt als Buch herausgegeben.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Bottroperin Ursula Borgmann hat in mehrjähriger Arbeit die Feldpostbriefe ihre Vaters Theodor Hovestadt aus der altertümlichen Sütterlinschrift übertragen und die Schilderungen von der damaligen Westfront jetzt als Buch heraus gegeben.

Bottrop..  Es ist, als ob die Menschheit verrückt geworden sei“, so lautet der letzte Satz der erhaltenen Feldpostbriefe, die Theodor Hovestadt von der Westfront im Ersten Weltkrieg an seine Familie in Westfalen schreibt. Vielleicht waren es Sätze wie dieser, die Ursula Borgmann bewogen, die Feldpostbriefe ihres Vaters jetzt als Buch herauszugeben.

Auch mit über 80 Jahren sitzt die engagierte frühere Lokalpolitikerin der Christdemokraten noch täglich am Schreibtisch ihres Kontors, wie sie das Arbeitszimmer mit Gartenblick nennt. Während sie den Computer hochfährt - natürlich ist sie als Geschäftsfrau auch technisch up to date - und wir auf die Bildergalerien des Familienalbums warten, erzählt die bekannte Wahl-Bottroperin, die aus einer uralten Münsteraner Familie stammt, wie die Idee zu ihrem jüngsten Buch entstand.

Auf 116 Seiten hat sie die Briefe veröffentlicht, die ihr Vater Theodor Hovestadt zwischen 1914 und 1916 an die Familie auf dem heimatlichen Gut Havichhorst schreibt. „Ich wollte die Briefe schon lange veröffentlichen, einmal für unsere weit verzweigte Familie als persönliche Dokumente, aber vielleicht interessiert es auch andere, wie ein westfälischer Soldat den Krieg erlebte, der sich eigentlich lieber um den Hof der Familie gekümmert hätte“, sagt Ursula Borgmann. „Hof“ ist untertrieben, denn Hovestadts besitzen seit 1831 nicht nur das frühere fürstbischöfliche Gut, das sie zuvor seit Jahrhunderten als Pächter bewirtschafteten, sondern auch zwei Mühlen und eine Brennerei.

Dorthin gehen auch die Briefe, die ihr Vater an seine Eltern oder den Prokuristen schreibt. „Mich fasziniert immer noch, wie mein Vater den absoluten Gegensatz zwischen den Kampfhandlungen dieses grausamen Krieges und den Urlaubstagen schildert, aber auch, wie er versuchte, selbst aus der Ferne noch als einziger Sohn die Geschicke des Hofes mit zu lenken“, so Ursula Borgmann. Ihr Vater habe eine „schlimme Schrift“ gehabt, darum überträgt seine Mutter die gesamte Post in gestochen scharfer Sütterlinschrift in Kladden, die nun Grundlage des Buches sind. Neben einigen Bildern aus der Kriegszeit enthält das Buch auch die Facharbeit, die Borgmanns Großenkelin im Fach Geschichte am Heinrich-Heine-Gymnasium verfasste und die eine kurze Einordnung der persönlichen Erinnerungen Theodor Hovestadts in den historischen Kontext liefert.

Theodor Hovestadt heiratet im Ersten Weltkrieg 1916. Ursula Borgmann ist die jüngste von acht Kindern. Ihr Vater, der 1961 mit 81 Jahren stirbt, war nach dem Zweiten Weltkrieg Gründungsmitglied der CDU in Westfalen und, wie später auch Ursula und Hans Günter Borgmann, stets politisch engagiert.

Der Band „Feldpostbriefe 1914 bis 1916 von der Westfront Frankreichs an die Heimat von Theodor Hovestadt“ ist für 19,90 Euro auch in der Buchhandlung Erlenkämper an der Hochstraße erhältlich.