Allzeit bereit - nie gebraucht
01.12.2009 | 09:00 Uhr 2009-12-01T09:00:00+0100
Bottrop. Im Atombunker an der Böckenhoffstraße fänden 1250 Personen für 30 Tage Schutz. Seit 1964 bleibt es beim Konjunktiv. Wir öffnen die erste Tür unseres Adventskalenders.
Es ist wohl acht Jahre her, dass er zum letzten Mal hier war. Klaus Joschko überlegt noch einmal, aber es scheint, als gebe es bei keiner der Zahlen, die der 68-Jährige ausspuckt, ein Vertun - er kennt diesen Ort wohl am besten. 417 Liegen, 828 Stühle und damit Platz für fast 1250 Menschen – das hat sich in all der Zeit eingebrannt. Der Arbeitsplatz des heutigen Rentners war 37 Jahre lang ein „Hotel” der besonderen Art: der Atombunker an der Böckenhoffstraße, der heute so versteckt unter einem Parkhaus liegt, dass viele nicht einmal von ihm wissen.
Als der Kalte Krieg mit der Kubakrise eine neue Qualität erreichte, ordnete die Bundesrepublik den Bau von Atombunkern an. „Jede Stadt mit über 100 000 Einwohnern hatte einen zu bauen”, erinnert sich Joschko an den Grund ebenso wie an das Datum des Baus: Mai 1964. Joschko selbst war von Anfang an hautnah dabei. Schon in jungen Jahren hatte er eine Lehre zum Elektriker begonnen. Dann, mit 23, wurde er für die Feuerwehr Bunkerwart. Oder wie es inzwischen korrekt heißt: Leiter des Schutzraum-Instandhaltungsdienstes.
Jeden Tag im Bunker
Jeden Tag kam Klaus Joschko zum Bunker. Jeden Schalter legte er dort um, prüfte die Batterien, die alle Anlagen steuern, testete die Notbrunnen, die über ein schwerfälliges Rad bedient werden, und die Filteranlagen. „Der Bunker muss allzeit bereit sein”, erklärt er. Es klingt kurios, aber jeden Tag machte Joschko eine Arbeit, von der er hoffte, sie würde nie gebraucht.
Die gefühlte Bedrohung sei früher eine ganz andere gewesen, versichert er. Selbst nach den Terroranschlägen 2001 sei die Unsicherheit nicht mit der Stimmung des Kalten Krieges vergleichbar. Während sich einige Menschen damals einen eigenen Betonklotz in den Garten setzten, versuchten andere, sich einen festen Platz im Bunker zu reservieren, indem sie Joschko Geld anboten. Schließlich gibt es mehr als 100 000 Bottroper, aber den Platz in Sicherheit nur für 1250 von ihnen.
Chlorkalk für die Toten
Im Ernstfall hätten auch sie mit anzupacken. In der Mitte des 700 Quadratmeter großen Raumes müssten sie die Stühle aufstellen und in den Nischen, die heute zu Friedenszeiten als Parkplätze genutzt werden, die Betten. Beschäftigungstherapie, um eine Panik zu verhindern. Anschließend hätten sie unter dem Schutz des Parkhauses, der Erde und von 1,90 Meter Stahlbeton zwei Beschäftigungen, wie Joschko erklärt: „In Schichten acht Stunden schlafen, 16 Stunden sitzen. Mit Rumlaufen wäre hier nichts groß.” Er geht weiter. Während die sanitären Anlagen alle paar Jahre mit neuem Toilettenpapier ausgestattet werden, sucht man in der „Küche”, in der auch Gasmasken von Haken baumeln, vergeblich nach Essbarem. Der kleine Herd ist noch eingepackt; die geschwungene, blaue Aufschrift hat den Charme vergangener Tage: „Er hat gut lachen, denn er besitzt den Original Maybaum Junggesell”. Lebensmittel würden in der „Spannungsphase” kurzfristig herbeigeschafft. Eine von Hand geschriebene Tabelle gibt Aufschluss über den Bedarf pro Tag und Person: 300 Gramm Brot, 75 Gramm Margarine, auch 50 Gramm Schokolade. Hauptnahrung wären allerdings Fertiggerichte à la Bundeswehr.
Der Nachfolger von Klaus Joschko hätte seinen Platz im Ernstfall vor einem Bierdeckel großen, quadratischen Fenster. An der Wand vor ihm: ein Telefonhörer. Daneben: eine Apparatur, mit der er – nach einem Blick durchs Guckloch und nur für 30 Personen auf einmal – die Außentür der Schleuse verriegelte und dann die Tür zum Bunker öffnete. In der Ecke des Raumes stehen zwei Fässer mit Chlorkalk. Tote würden damit eingeschmiert, in einen Sack gelegt und in der Schleuse gelagert.
Beim Konjunktiv bleibt es auch 45 Jahre nach Errichtung des „Hotels”. Dessen für lange Zeit einziger Stammgast hält seine frühere Arbeit dennoch nicht nur für schön, sondern auch für sinnvoll. „Es gibt nicht nur Schönwetterperioden”, sagt Klaus Joschko. „Und wenn Sie einen Unfall haben, ärgern Sie sich auch, wenn kein Verband da ist.”
In unserem Adventskalender öffnen wir ab heute jeden Tag eine Tür, hinter der sich eine interessante Geschichte verbirgt. So ergeben sich an den 21 Tagen, an denen unsere Zeitung bis Weihnachten erscheint, 21 Folgen.
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