Singend über den Jakobsweg
16.02.2010 | 17:45 Uhr 2010-02-16T17:45:00+0100
Altenbögge. „Es treibt in die Ferne mich mächtig hinaus", singt Reinhard Schulze mit einem kräftigen Bariton zu den Klängen von Robert Schumann. Neben ihm liegt ein knorriger Wanderstab neben den Wanderschuhen und Wanderkarten auf einem Tisch.
Auf der Leinwand ziehen Bilder aus den Pyrenäen an den Augen des Publikums vorbei. Der Jakobsweg ist eben mehr als nur eine Wanderung. Eine Art künstlerisches Experiment.
„An jeder Station", versicherte Reinhard Schulze am Sonntag im Bodelschwingh-Haus, „ist mir ein Lied eingefallen".
»An jeder Station
ist mir ein Lied
eingefallen«
Bis zu 30 km ist der ehemalige Opern- und Musicalsänger, der in Weimar seine fundierte Ausbildung erhielt, fünf Wochen lang täglich von St. Jean Port au Pied über Santiago de Compostela bis nach Finisterre am Atlantik marschiert. In einer Phase „des persönlichen Umbruchs", als er den Gesang mit einem Organistenamt in Hamm-Herringen tauschte. Aufgekommen war der Wunsch aber schon, als er seinen kranken Vater pflegte – und ihm täglich aus einem Erlebnisbericht vorlas.
Dass ihn zu Beginn seiner Wanderung gleich eine Dame aus Hamm zur Seite wanderte, war nur eine der vielen Kuriositäten auf seiner 1.000 km langen Wanderung. Eines aber entdeckte er auf trockenen Pyrenäenebenen in 1.500 m Ebene oder beim vereinten Gesang mit Mitwanderern in einsamen Pilgerkirchen: „Die Musik bedeutet mir viel." Und sie begleitete ihn ebenso durch Schlafsäle mit 120 Betten wie durch Fußball-Endspiele in Pamplona, nächtliche Irrwege, auf alten Römerstraßen in brütender Hitze und endloser Einsamkeit oder in blühenden Olivenhainen. „Von Himmelsbläue wundersam umwoben" ging es mit den Noten von Johannes Brahms, gefühlvoll umgesetzt von Julia Wagenblaß, durch wildromantische Dia- und Musiklandschaften. Eigenartige Kuss-Traditionen auf die Hand kindlicher Jungfrauen erlebten die Besucher dabei ebenso mit wie das „Bächlein, liebes Bächlein" sowohl von Franz Schubert als auch am Wegesrand, verziert mit antiken Brückenwerken.
Am Ende bekam Reinhard Schulze seine Pilgerurkunde, ließ seine Sorgen symbolisch mit dem Stein am Cruix de Ferro und wanderte weiter zum einstigen Ende der Welt am Atlantik. Er erlebte nicht nur, dass man die Konflikte zwischen den spanischen Völkern mit Gesang wenigstens kurzfristig beilegen kann. Er war durch seine Wanderung auch bestens vorbereitet für die neue Aufgabe, die anschließend auf ihn wartete. Trotzdem fragte er sich mit Franz Schubert zum Abschluss: „Wohin" - wohin mag wohl die Reise weiter gehen. Das Experiment Jakobsweg ist jedenfalls ebenso gelungen wie der Versuch, ihn mit Dias, Liedern und Erzählungen zum Ausdruck zu bringen.
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