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Zuschauer im Mordprozess

Zwischen Sensationsgier und Empathie

25.05.2012 | 17:45 Uhr
Zwischen Sensationsgier und Empathie
Schon beim Auftakt des Prozesses am 13.02.2012 kamen viele zuschauer zur Verhandlung ins Bochumer Landgericht.Foto: Marcus Simaitis / WAZ FotoPool

Bochum.   Einsam in ihrer Schuld und belastet von inneren Problemen trat die Angeklagte am Freitag beim sogenannten letzten Wort im Gerichtssaal auf (Bericht Seite 1). Die Zuschauer hinter der Glasabsperrung erlebten einen Zusammenbruch mit, den in dieser Intensität nur das Leben, aber keine Gerichtssendung je bereithalten könnte.

Einsam in ihrer Schuld und belastet von inneren Problemen trat die Angeklagte am Freitag beim sogenannten letzten Wort im Gerichtssaal auf (Bericht Seite 1). Die Zuschauer hinter der Glasabsperrung erlebten einen Zusammenbruch mit, den in dieser Intensität nur das Leben, aber keine Gerichtssendung je bereithalten könnte.

Das große Bedauern ihrer Schuld, die Einsicht der Angeklagten, mit ihrer Tat unzähligen Menschen Leid zugefügt zu haben, geht an den Leuten im Publikum nicht spurlos vorbei. „Ich will keine Kommentare hören. Weder der Empörung, noch der Begeisterung“, hatte Richter Hans-Joachim Mankel gewarnt. Trotzdem flüstern einige Zuschauer leise miteinander. „Wie tief empfunden können diese Emotionen wirklich sein?“, fragen sie sich. „Das ist mir ein bisschen zu dick aufgetragen“, raunt eine ältere Dame mit skeptischem Blick ihrem Sitznachbarn zu. Andere hingegen kämpfen mit den eigenen Gefühlen und verfolgen mit sichtlich ergriffenen Mienen das Geschehen.

Was bewegt die Zuschauer, dem Mordprozess beizuwohnen?

Was bewegt die etwa 80 Besucher, die bei bestem Wetter ihre Freizeit im Gerichtssaal verbringen, um dem Mordprozess beizuwohnen? „Der Fall interessiert mich einfach, weil ich Patient bei dem Arzt bin“, sagt ein 78-Jähriger, der seinen Namen lieber nicht nennen mag. „Als Rentner habe ich ja Zeit herzukommen“, fügt er hinzu. Wie viele der Anwesenden hat auch er sich längst eine eigene Meinung zu Schuldfrage und Strafmaß gebildet. „Die Umstände zählen für mich nicht“, sagt er. „Ich habe sie von vornherein für schuldig gehalten.“

Unter den meist älteren Zuschauern befinden sich überwiegend Damen, die fein herausgeputzt in neuester Sommermode den Tränenausbruch der Angeklagten mitverfolgen. „Bei Prozessen, bei denen Frauen als Täterinnen auftreten, fühlt man sich selbst als Frau auch persönlich betroffen und überlegt: Wie hätte ich wohl reagiert?“, sagt eine 50-Jährige nachdenklich. „Aber ich weiß, dass ich eine der wenigen bin, die hier so denkt.“ Andere zeigen weniger Empathie. „Och, guck mal, jetzt heult die auch noch“, ist im Saal zu hören.

Später schlendern sie in kleinen Grüppchen nach draußen. Wer keine eigenen Brote dabei hat, geht noch in die Kantine. Zwischen Currywurst und Caramel-Pudding diskutieren die „Freizeit-Richter“ die Beweislage und fällen ihr ganz persönliches Urteil.

Anna Ernst



Kommentare
31.05.2012
09:34
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von brianeno | #8

Die Diskussion driftet zu sehr in die Frage ab, ob die Angeklagte schuldig ist, oder nicht. Hier geht es jedoch nicht darum, sondern eher um das Prozesspublikum!

Sicherlich ist es gut, dass in Deutschland Prozesse öffentlich sind, aber in Deutschland ist die Würde des Menschen immernoch auch unantastbar. Dieses Grundgesetzt wird hier vom Prozesspublikum teilweise mit Füßen getreten.

31.05.2012
08:38
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von unbekannt01 | #7

@jmeller, das kommt mir hier ja schon vor wie ein persönlicher Rachefeldzug von Ihnen. Gut dass das Gericht entschieden hat und nicht Sie!
Zunächsteinmal hat die Täterin nichts in Brand gesteckt, das ist eine böswillige Unterstellung!

Und nein, sie hätte definitiv niemals gedacht jemals soetwas tun zu können.

Warum hätte Sie sich den Status "Arztgattin" sichern wollen wo das Opfer doch angeblich so ein erfolgreicher wohlhabender Banker gewesen ist. Das verstehe ich nicht. Ich verstehe auch nicht warum man ihr immer dieses Motiv Statuserhalt unterstellt. Jemand aus dieser normalen Mittelschicht denkt gar nicht über soetwas wie Status nach.

30.05.2012
17:27
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von jmeller | #6

Zitat unbekannt01 "Die Täterin hätte das vorher vermutlich auch niemals von sich gedacht."

Das hört sich ja so an als wenn die rau im Affekt getötet hätte. Nein die Tat war geplant.

Erst hat sie dem Mann Betäubungsmittel in den Kakao geschüttet Als er betäubt war. hat sie im eine Morphiumspritze gesetzt. Die sie wohl nicht zufällig dabei hatte. Dann hat sie 12 mal mit einem Messer zugestochen. Davon zwei mal in das Herz. Und dann hat sie den Mann in Brand gesetzt um die Tat zu vertuschen.

1 Antwort
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von angielady | #6-1

Da muß ich jmeller beipflichten. Da die Verurteilte 12x zugestochen hat, nachdem der Geliebte den Todescocktail noch mit schwachem Herzklopfen überlebte, ist die Tat als Mord genau richtig vom Richter ausgesprochen worden. Bei dem Urteil Mord und lebenslänglich wäre wohl jeder Verbrecher in Tränen ausgebrochen. Das ist ein gerechtes Urteil. Wo kämen wir hin, wenn eine Frau den Eltern ihren geliebten Sohn nimmt und kein gerechtes Urteil gefällt worden wäre. Sie hat ihr Recht auf ein freies Leben in unserer Gesellschaft verwirkt und muß nun `büßen´. Lebenslang!

30.05.2012
16:37
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von jmeller | #5

Trotz allem, die Frau ist eine eiskalte Mörderin. Um ihren Status als "Arztgattin" zu sichern hat sie einen Mord begangen.

Und das gute in Deutschland ist doch das Prozesse öffentlich sind.

30.05.2012
16:36
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von hapeer | #4

Vermutlich ist dieses "Gaffertum" auch der Grund dafür, dass viele "liebe MitbürgerInnen"
in Situationen, in denen HELFEN und Eingreifen eigentlich im Vordergrund stehen müsste, stattdessen damit reagieren, dass sie ... ja was wohl? ... richtig: nur gaffen!

29.05.2012
08:18
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von unbekannt01 | #3

Vermutlich können diese sensationsgeifernden Leute nicht mal mehr zwischen dem was sie sonst täglich bei Salesch/Hold im TV sehen von der Wirklichkeit unterscheiden. Bei dem was dort an Zwischenrufen und Kommentaren von sich gegeben wird kann man scheinbar nicht von allzu viel Intelligenz ausgehen. Mir wird schlecht wenn ich daran denke wie dort ein Mensch angeprangert wird. Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter.

Wenn entsprechende biologische, psychologische und situative Begebenheiten zusammentreffen kann so eine Tat passieren (damit ist natürlich nichts entschuldigt). Auch diesen Heiligenschein tragenden Seansationstouristen können in eine ähnliche Situation geraten. Davon kann sich selber niemand frei sprechen oder es vorhersagen.
Die Täterin hätte das vorher vermutlich auch niemals von sich gedacht.

Frau Ernst, Danke für diesen Artikel.

26.05.2012
15:16
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von aprila | #2

Sehe ich genauso brianeno!!!
So ein Bericht war schon lange mal fällig Frau Ernst. Vielleicht wird ja dadurch mal erreicht, dass sich diese Leute an die eigene Nase fassen und ihr Handeln mal überdenken! Diese Frau ist aufgrund ihrer Tat noch lange nicht schlechter als die, die sich in den Saal setzen und sich daran erfreuen. Schlimm genug, was da passiert ist. Doch stellen Sie sich mal vor, diese Frau hatte auch ein Leben bevor diese Tat passierte.

1 Antwort
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von jmeller | #2-1

Doch die Mörderin ist schlechter als die Zuschauer im Gerichtssaal. Sie hat aus niedrigen Motiven gemordet.
Denken Sie auch mal an die Eltern des Opfers

25.05.2012
21:28
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von brianeno | #1

Da zeigt sich doch, von welch einer Schadenfreude manche Menschen besessen sind. Quaselstrippen und Lästertanten sitzen da im Gerichtsaal, die nichts besseres zu tun haben, als sich am Leid anderer zu ergötzen.

Ohne die Tat schmälern zu wollen, aber wer braucht in solch einem Prozess Zuschauer, die auch noch süffisante Kommentare ("Och guck mal, jetzt heult die auch noch") in den Saal blöken. Einfach erbärmlich!

1 Antwort
Zwischen Sensationsgier und Empathie
von Kullerkeks | #1-1

Die Gaffer sind doch auch nicht viel besser. Meist stehen sie daneben und schießen am besten noch Fotos anstatt zu helfen.

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