Zeche sorgte für Zusammenhalt

Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services

Bochum.. „So entsteht oben in Altenbochum eine schöne, gesunde Siedlung, die vielen Menschen zum Segen gereichen wird. Die Hälfte der Häuser wird bereits am 15. Juli, die andere Hälfte am 15. August bezogen.“

Was der Bochumer Anzeiger 1934 schilderte, hat Walter Lenz von Anfang an mitbekommen. Der frühere Studiendirektor ist 81 Jahre alt, wohnt seit 80 Jahren in der Bergmannssiedlung „Am Langen Seil“. Inmitten liegt auch die Straße „Haspelstrick“. Doch ist sie allein kaum aus der Umgebung zu trennen.

Projektplanung vor 1933

Denn die „Bindfadensiedlung“ wurde vollständig konzipiert als Wohnort für Bergleute, wie die einschlägigen Namen schon sagen. Alle Bezeichnungen stammen aus der Zechensprache, dienten „zur Erhaltung alten Volkgutes“. „Man kann sich ja heute kaum noch vorstellen, dass alle Familien in einer Nachbarschaft den gleichen beruflichen Hintergrund haben. Aber genau das hat früher das Zusammenleben hier geprägt“, blickt Lenz zurück, dessen Vater auf „Prinz Regent“ beschäftigt war. „Alle waren sich bewusst, aufeinander angewiesen zu sein. Einer konnte dem anderen helfen, sei es durch Einsatz oder Material.“

Der Kern der Siedlung, also 54 Doppelhäuser für 108 Familien, wurde 1932/33 von der Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten geplant. „Es handelt sich daher nicht, wie viele vermuten, um ein nationalsozialistisches Projekt“, betont Lenz. 500 Bewerbungen gingen ein, am Ende entschied neben den finanziellen Rahmenbedingungen auch das Los, wer wo einziehen durfte. In der Gaststätte Vocke wurde bekannt gegeben, wer es zukünftig unter einem Dach, in direkter Nachbarschaft, miteinander aushalten musste. Die Baukosten betrugen rund 7000 Reichsmark, je nachdem, ob der Interessent auch „Extras“ wie eine Toilettenspülung bevorzugte. Alternativ wuchsen immerhin „riesige Kappesköppe im Garten“, sagt Lenz mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Die Bauabschnitte

Im Mittelpunkt der Häuser befand sich der „Schrammsche Kotten“ an der Ecke Am Langen Seil/ Eine Leine. 1943 bekam das Gebäude bei Bombenangriffen einen Volltreffer ab, dort befindet sich heute ein Mehrfamilienhaus. Fanden frühere Siedlungsfeste „rund um die Linde“ an Ort und Stelle statt, ist auch der Baum seit dem letzten Sturm Vergangenheit.

Drei weitere Bauabschnitte in den 60er Jahren folgten. Es entstanden 80 weitere Einfamilienhäuser, womit die Siedlung ihr heutiges Bild bekam, eingerahmt von Universitätsstraße, Nordhausenring und Grünzug. Verändert haben sich allerdings im Laufe der Zeit die Eigenheime, die Einheitsbauweise erhielt nach und nach eine individuelle Note. „Die Häuser haben sich sehr individuell entwickelt, ohne dass dadurch der Charakter einer geschlossenen Siedlung verloren gegangen wäre.“

Die ehemalige Zeche

Wer in den Haspelstrick einbiegt, sieht eine bautechnische Besonderheit, die sich nicht erst ergab. Die ersten drei Häuser, die zu den ältesten vor Ort gehören, stehen längsseits, also nicht mit dem Giebel zur Straße.

Unweit davon befindet sich mit der Grundschule „Auf dem Alten Kamp“ ein starkes Stück Strukturwandel: Die Einrichtung wurde Anfang der 70er Jahre auf dem Gelände der ehemaligen Zeche „Alte Steinkuhle“, die bis 1928 Kohle förderte, gebaut und 1972 bezogen.

Vorteil des Wohnens

Von dieser Stelle aus sind es nur ein paar Schritte „Auf dem Alten Kamp“ entlang bis zum Haus Oekey. Wer die Siedlung vom früheren Zechenbahndamm – auf diesem Weg erhielt die Zeche Julius Philipp noch in den 30er Jahren Grubenholz – aus betreten hat, verlässt sie nun wieder. Auf der anderen Seite der Universitätsstraße liegt die Gaststätte Reinert. Beide Häuser waren auch schon früher an der Querenburger Straße benachbart, mussten für den Straßenausbau zur Universitätsstraße allerdings neu gebaut werden.

An der Haltestelle „Brenscheder Straße“ kann Walter Lenz auf einen großen Vorteil des Wohnens in der „Bindfadensiedlung“ aufmerksam machen. „Wir liegen zwischen Uni und Innenstadt. Trotzdem: Wenn wir früher im Schwarzwald Urlaub gemacht haben, mussten wir erst einmal einen so ruhigen Ort finden.“