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Bochumer Symphoniker

„Wir quälen uns durch diesen Raum“

18.11.2012 | 18:01 Uhr
„Wir quälen uns durch diesen Raum“
Die Bochumer Symphoniker proben in einem kleinen Saal an der Prinz-Regent-Straße am Mittwoch, den 14. Nov. 2012 in Bochum. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPoolFoto: INGO OTTO

Bochum. Eine tolle Adresse ist es, die die Bochumer Symphoniker da in ihrem Schilde führen: Prinz-Regent-Straße. Das klingt nach München, nach Pomp und Glamour – wohl auch deshalb hat sich in einer Anwandlung von reviertypischer Selbstironie das kleine Haus von Sibylle Broll-Pape den Namen des Münchner Prunkbaus gegeben. Die Bosys haben Humor genug – doch erinnert ihr Probensaal in diesem Zechengebäude aus der Jahrhundertwende eher an das Provisorium einer Vorstadt-Laienspielbühne.

Für Industrieromantiker prima, für Berufsmusiker mit Anspruch . . . Das soll Rainer Philipp, Flötist und Orchestervorstand („Ich bin hier so etwas wie der Klassensprecher“), besser selbst erzählen: „Was soll ich sagen. Wir quälen uns durch diesen Raum.“ Er erklärt, was gemeint ist. Aufgebaut ist für die große Besetzung. Über 80 Musiker finden sich ein. Es steht eine Probe für das 3. Symphoniekonzert an. Edward Elgar, die Sinfonie Nr. 1. Gastdirigent ist der Finne Ari Rasilainen, der die Bochumer Besonderheiten kennt.

Rot zuckt die Dezibel-Ampel

Wegen der beengten Verhältnisse in dem rund 2000-Kubikmeter-Raum ist der Aufbau der Instrumentengruppen nicht der Logik des musikalisch Optimalen, sondern dem Faktum des räumlich und hörtechnisch gerade Erträglichen geschuldet. Wackelige Plexiglaswände schirmen die Streicher ab von der Macht der Blechbläser. Schlagwerk mit den vier Kesselpauken als Herzstück quetscht sich vom Dirigenten aus rechts an den Rand. Da wo sie eigentlich hingehören, ganz hinten, thronen die Kontrabässe.

Es scheint fast, als blicke Ari Raislainen deshalb Mal um Mal ein wenig irritiert in die Runde, als er die Sinfonie probt, was aber auf die Phantasie des musikalisch nur halb gebildeten Journalisten zurückgehen kann. Direkt hinter dem Dirigentenpult, ein wenig oberhalb der stählernen Eingangstür hängt eine Ampel. Während der 2. Satz, Allegro, also lebhaft, seinen Lauf nimmt, dominiert das rote Licht, mit den nach unten gezogenen Smile-Mundwinkeln.

Nur selten grinst das freundliche Gesicht auf dem Grünlicht. Rainer Philipp erklärt den Sinn der sehr rot flackernden Ampel: „Bei Rotlicht sind 110 Dezibel im Raum erreicht.“ Die Akustik, sie sei schlicht eine Katastrophe. Und das nicht nur bei den Proben. Das Schauspielhaus, das Audimax, zwei Räume, die beide nicht ausgerichtet seien, um ein Symphonieorchester optimal zum Klingen zu bringen.

„Wenn das Orchester ein Gastspiel gibt, etwa im neuen Konzerthaus in Dortmund, erst dann hören wir wie gut wir sind“, sagt Pressesprecherin Christiane Peters. Orchesterdirektorin Marina Grochowski macht ganz deutlich, was das Musikzentrum denn bedeutet, gerade für die alltägliche Arbeit der Bochum Symphoniker: „Da gibt es im Saal, wo dann auch geprobt würde, 14 000 Kubikmeter. Die Musiker würden dort proben, wo sie auch ihre Konzerte geben.“ Erst dann, könnte das Orchester das hohe Niveau, das es zweifellos habe auch hören – schon bei der Probe.

Und dann schauen sie sich an, die Direktorin und ihr Flötist: Ja diese Debatte der letzten Wochen: „Das zermürbt einen“, sagt Philipp und entschuldigt sich nach einem Blick auf seine Uhr. Er müsse jetzt noch etwa sehr Lautes auspacken, kündigt er schmunzelnd an.

Später sitze ich dann bei der Probe irgendwo zwischen den Kesselpauken und den Blechbläsern mit meinem Journalistenblöckchen und bemühe mich, lautlos die Seiten umzublättern, während um mich herum die Musik Elgars brodelt, tobt und sich doch nicht so recht entfalten kann.

Michael Weeke

Kommentare
21.11.2012
18:02
„Wir quälen uns durch diesen Raum“
von ArWe | #23

Sorry "Stolperstein",
Sie haben recht, ich hatte Sie in diesem Zusammenhang zu Unrecht aufgelistet. Habe mich da verlesen.
Leider lassen es weder der...
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1 Antwort
„Wir quälen uns durch diesen Raum“
von Stolperstein | #23-1


Danke, das Sie Charakter zeigen.

Auch ich habe mir in meinem 40jährigen Berufsleben häufig andere Bedingungen gewünscht, aber...

Wie sehen Sie das denn dann mit den Kosten, die wir heute verursachen und für die unsere Kinder gerade stehen müssen?
Hinterlassen wir ihnen nicht schon genug unlösbare Aufgaben?

Ihnen weiter Treffsicherheit an der Pauke. Machen Sie und ihre Mitstreiter dem Bochumer Publikum noch viel Freude.

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„Wir quälen uns durch diesen Raum“
„Wir quälen uns durch diesen Raum“
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http://www.derwesten.de/staedte/bochum/wir-quaelen-uns-durch-diesen-raum-id7305193.html
2012-11-18 18:01
Bochum