Wer aussieht wie ein Türke, muss draußen bleiben

Der Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel (SPD). Dem Politiker wurde der Eintritt in die Diskothek Prater verweigert. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Der Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel (SPD). Dem Politiker wurde der Eintritt in die Diskothek Prater verweigert. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Türsteher der Bochumer Mega-Disco Prater verweigerten dem Landtagsabgeordneten Serdar Yüksel (SPD) und drei anderen Deutschen mit Migrationshintergrund im Beisein der WAZ den Zutritt. Damit bestätigten sich Vorwürfe zahlreicher Migranten.

Bochum.. Die in der vergangenen Woche vorgestellte Studie „Diskriminierung am Arbeitsmarkt“ beweist: Wer Ali heißt, hat es schwer, eine Lehrstelle zu finden. An der Tür der Mega-Disco Prater in Hofstede indes muss man nicht mal Ali heißen, da reicht es schon so auszusehen, um diskriminiert und aussortiert zu werden.

Discotheken Samstagabend, 23.55 Uhr: Serdar, Cemil, Ibrahim, Mehmet und Thomas reihen sich ein in die Schlange gut gelaunter junger Menschen, die im Prater Party feiern wollen. Thomas, der Autor dieser Zeilen, soll die rassistische Auslese der Türsteher live erleben. Anlass für den Test ist ein WAZ-Bericht zum Thema Rassismus im Prater, in dem Disco-Sprecher Hendrik Büchten die Vorwürfe als haltlos darstellte.

0.10 Uhr: „Hallo, Jungs, das klappt heute nicht“, empfängt ein Türsteher Serdar und Cemil, die voran gehen. – „Wieso nicht?“ - „Ihr kommt hier nicht ‘rein – und jetzt geht mal zur Seite!“ Der Tonfall ist bereits deutlich schärfer als zuvor. Thomas wird problemlos eingelassen, Ibrahim und Mehmet aber nicht – „Wieso nicht?“ – „Heute kommen nur Stammgäste rein.“ – „Ich war noch nie hier“, springt Thomas seinen Begleitern bei – und bekommt ein synchrones Achselzucken der Security-Männer zu sehen. „Wir wollen gemeinsam feiern.“ – „Hier nicht!“ Habitus, Blicke und Tonfall signalisieren unmissverständlich: Schluss mit lustig.

"Mal passen meine Schuhe nicht, mal meine Hose nicht."

„So läuft das hier immer“, sagt Cemil (25). „Wer nicht aussieht wie ein Biodeutscher, wird aussortiert.“ Das Wort „Biodeutscher“ ist eine zynische Reaktion der vier, die alle deutsche Staatsbürger und im Ruhrgebiet aufgewachsen sind. „Genau so passiert das auch in Bottrop oder Oberhausen. Unter der Hand haben mich auch schon Türsteher, die selbst türkische Wurzeln hatten, um Entschuldigung gebeten und gesagt, dass ihr Chef halt keine Ausländer in der Disco wolle“, sagt Ibrahim.

Chancengleichheit Der 25-Jährige studiert Sozialarbeit und absolviert derzeit ein Praktikum bei der Awo. Mit Kommilitonen ‘rauszugehen, sei schwierig. Ibrahim: „Ganz offen wird gesagt 'Ihr ja, der nicht'. Mal passen meine Schuhe nicht, mal meine Hose nicht. Ich sage dann meistens: Jungens, feiert ohne mich.“

Unhaltbar findet Serdar diese Ausgrenzung. Serdar heißt Yüksel mit Nachnamen und sitzt für die SPD im nordrhein-westfälischen Landtag. Als Abgeordneter gehört er in Bochum zur Stadtgesellschaft, wird in die besten Kreise eingeladen. „Mir fehlt jegliches Verständnis für diese Praxis“, sagt Yüksel. „Hier werden Menschen nach Haut- und Haarfarbe aussortiert und in Sippenhaft genommen. Das verstößt eindeutig gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.“

Eine Stellungnahme des Prater gibt es bislang nicht. Büchten teilte am 20. März mit, er sei „nicht befugt“ die WAZ-Fragen zum Thema „zu beantworten“ und habe diese der Geschäftsleitung zugestellt

Serdar Yüksel : "Disco Prater ist leider kein Einzelfall"

WAZ-Redakteur Thomas Schmitt sprach mit Serdar Yüksel (40) über das gemeinsame nächtliche Erlebnis.

Herr Yüksel, die Disco Prater sortiert ihre Gäste, wie wir gemeinsam bei unserem Besuch erlebt haben, eindeutig nach ethnischen Gesichtspunkten. Wer nicht deutsch aussieht, läuft Gefahr, draußen bleiben zu müssen. Ist diese Disco eigentlich ein Einzelfall?

Serdar Yüksel: Die Disco Prater stellt leider keinen Einzelfall dar. Dass Gäste nichtdeutscher Abstammung ohne nennenswerten Grund der Eintritt in Discos verwehrt wird, kommt deutschlandweit vor. Die wenigsten Fälle werden bekannt. Dabei ist eine solche Diskriminierung keine Bagatelle: Besonders für junge Menschen ist das eine der ersten Ausgrenzungserfahrungen. Denn wenn man an der Discotür zu hören bekommt „Du kommst nicht ‘rein“ bedeutet das eigentlich „Du gehörst nicht dazu’’ und dies stellt für die Betroffenen eine tiefe Demütigung dar.

Werden bei den Einlasskontrollen ausschließlich Männer diskriminiert oder sind auch Frauen betroffen?

Yüksel: Sicher betrifft dies in manchen Fällen auch Frauen. Es sind aber größtenteils Männer betroffen, da Ihnen per se Gewalttätigkeit und aggressives Verhalten unterstellt wird. Dabei entscheidet in den seltensten Fällen das tatsächliche Verhalten gegenüber den Türstehern, sondern ausschließlich das Aussehen der Menschen: dunkle Haare oder dunkler Teint reichen da oft schon aus. Genau so, wie wir beide es an der Tür an der Disco Prater leider erleben mussten.

Haben Sie davon gehört, dass Türsteher Schmiergeld nehmen?

Yüksel: Es wird von Betroffenen immer wieder berichtet, dass Türsteher Schmiergelder annehmen. Darüber hinaus wird man darauf hingewiesen, dass bei Inanspruchnahme eines VIP-Platzes in der Diskothek und beim Kauf von mindestens zwei Flaschen Hochprozentigem (Kosten nicht selten bis zu 300 Euro) auch bei Ausländern manchmal eine Ausnahme gemacht wird.

Wie oft erleben Sie persönlich Rassismus im Alltag und wie häufig werden Sie als Abgeordneter zu diesem Thema angesprochen?

Yüksel: Wir haben es mit dem alltäglichen Rassismus zu tun, der sich in allen hässlichen Facetten zeigt. Diskriminierung bei der Wohnungssuche oder Abweisung in Fitnessstudios sind inzwischen alltäglich. Aus meiner Beobachtung und vielen Beobachtungen heraus, hat der alltägliche Rassismus eher zugenommen als abgenommen. Eltern mit Migrationshintergrund berichten mir regelmäßig, dass sie ihre Kinder früh in den Kitas anmelden, aber durch Selektion – insbesondere durch die konfessionellen Einrichtungen – erst als Letzte berücksichtigt werden. All das droht auch die Gesellschaft zu spalten.

Was können Sie als Politiker gegen diese Art von Rassismus überhaupt tun?

Yüksel: Mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) wurde bereits ein wichtiges Instrument geschaffen. Dieses Gesetz verbietet Ungleichbehandlungen aufgrund der Ethnie, des Geschlechts, der Religion, der Weltanschauung, des Alters, einer Behinderung oder der sexuellen Identität. In Deutschland sind bereits mehrere Diskotheken zu Entschädigungszahlungen verklagt worden, da sie gegen das AGG verstoßen haben. Auch ein Hausverbot darf nur ausgesprochen werden, wenn die Person gegen Hausregeln verstoßen hat – wobei die entsprechenden Hausregeln einer Inhaltskontrolle durch das AGG unterliegen. Eine Abweisung nur aufgrund der Abstammung verstößt also gegen geltendes Recht.

Welche Initiativen gibt es auf kommunaler, welche auf Landes- oder Bundesebene?

Yüksel: Auf der lokalen Ebene haben wir eine gute Struktur und Anlaufstelle mit den „kommunalen Integrationszentren“sowie den Antirassismusstellen in den Gemeinden und Städten. Darüber hinaus hat sich in Bochum ein breites Bündnis unterschiedlicher Akteure aus Vereinen, Verbänden, Parteien und Organisationen gegen Rassismus und rechte Gewalt etabliert. Gerade solche Netzwerke sind wichtig, weil sie ein langfristiges Umdenken in der Gesellschaft voranbringen und verankern können. Wir brauchen auch einen Bewusstseinswandel, denn eigentliche Gesetze und Vorschriften nutzen wenig, wenn alltägliche Diskriminierungen im Kleinen wie auch im Großen weiterhin stattfinden.

Die Beweisführung, dass eine Diskriminierung vorliegt, ist schwierig. Was raten Sie Betroffenen?

Yüksel: Eine solche Diskriminierung ist nicht hinnehmbar. Ich kann den Betroffenen nur raten, sich nicht zu verstecken, sondern aktiv Hilfe zu suchen. Fragen Sie erst einmal nach Rat und Hilfe bei Antidiskriminierungsverbänden oder bei ihren örtlichen Abgeordneten. Antidiskriminierungsverbände können nicht nur beratend zur Seite stehen, sie haben auch das Recht, die Betroffenen als Bevollmächtigte vor Gericht zu vertreten. Natürlich steht Ihnen auch der Rechtsweg offen. Eine Veröffentlichung durch die Presse kann viel Druck auf die Betreiber von Diskotheken ausüben. Am Wichtigsten ist, eine solche Diskriminierung auf keinen Fall hinzunehmen.