Bochum

Was ist „provozierendes Beten“ - und warum machen Schüler das?

Das Wuppertaler Johannes-Rau-Gymnasium hat ein Verbot gegen provozierendes Beten ausgesprochen.
Das Wuppertaler Johannes-Rau-Gymnasium hat ein Verbot gegen provozierendes Beten ausgesprochen.
Foto: imago/DER WESTEN (Symbolbild)
  • An einer Wuppertaler Schule gab es Wirbel um Schüler, die provozierend beteten
  • Dafür kann es viele Gründe geben - oft geht es um Anerkennung in der Gruppe

Bochum. Am Johannes-Rau-Gymnasium in Wuppertal haben junge Muslime „provozierend gebetet“. Die Schulleitung hat das in einer internen Mitteilung an die Lehrer verboten.

Die Schulleitung beschreibt das in einer internen Mitteilung so: „In den vergangenen Wochen wurde zunehmend beobachtet, dass muslimische Schülerinnen und Schüler im Schulgebäude für andere deutlich sichtbar beten, signalisiert durch rituelle Waschungen in den Toiletten, das Ausrollen von Gebetsteppichen, das Einnehmen von bestimmten Körperhaltungen. Dies ist nicht gestattet.“

Aber warum machen die Schüler das? DER WESTEN sprach mit dem Diplom-Soziologen Piotr Suder aus Bochum darüber.

Provokation oder Demonstration eines „guten Muslims“?

Für das offensive Beten könne es verschiedene Gründe geben, sagt er. „Es kann schlicht Provokation sein - oder auch eine Demonstration dessen, wie sich ein Muslim aus Sicht konservativer Vertreter zu verhalten hat.“

So könnte eine Art Wettbewerb unter den Schülern ausgebrochen sein, sich als guter Muslim darzustellen. Das Ziel: die Anerkennung der Gruppe.

Es kann aber auch sein, dass es sich bei dem Gebet schlicht um ein religiöses Bedürfnis handelt. „Eine so offene Art der Glaubensausübung lässt aber eine sehr konservative Auslegung des Islam vermuten.“ Die meisten Muslime würden ihren Glauben häufig weniger sichtbar ausleben.

Auch über andere Wege versuchen sehr religiöse muslimische Jugendliche, sich als gute Muslime darzustellen. Zum Beispiel durch das Befolgen von Verboten.

„In manchen Fällen ist ein Islamverständnis unter Jugendlichen verbreitet, das vor allen Dingen Verbote befolgen muss. Das wird dann auch offensiv nach außen demonstriert.“

In der Schweiz gab es beispielsweise einen Fall, in dem zwei Schüler ihrer Lehrerin nicht die Hand geben wollten, weil sie eine Frau ist.

Beziehung zu Gott wird zweitrangig

Auch sie folgten der Einteilung in Halal und Haram. Erlaubt und verboten. „Ein Schwarzweißdenken“, sagt Suder.

„Das Traurige daran ist, dass die Beziehung zu Gott und das Ziehen von Energie aus dem Glauben dadurch völlig zweitrangig wird“, meint Suder.

Wann müssen die Alarmglocken schrillen?

Gefährlich ist das „provozierende Beten“ aber laut Suder noch nicht.

Eines ist dem Wissenschaftler wichtig: „Grundsätzlich handelt es sich hierbei jedoch um seltene Ausnahmen, die nicht repräsentativ für alle muslimischen Jugendlichen in Deutschland sind. Die große Aufregung um öffentliche Gebete von Muslimen ist ein Beleg für den durch Misstrauen geprägten Islamdiskurs in Deutschland.“

Alarmglocken sollten jedoch schrillen, wenn Schüler anfangen sich wegen des Glaubens gegenseitig zu mobben oder sich gewaltsam zu Handlungen zu zwingen.

Oder wenn Schüler sich Propaganda der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ ansehen. Das könne ein Zeichen für eine beginnende Radikalisierung sein, sagt Suder.

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