Warum Herbert Grönemeyer sein Bochum immer noch innig liebt

Seine Karriere ist einzigartig: Herbert Grönemeyer gilt als erfolgreichster Künstler im deutschsprachigen Raum.
Seine Karriere ist einzigartig: Herbert Grönemeyer gilt als erfolgreichster Künstler im deutschsprachigen Raum.
Foto: Markus Jans
Herbert Grönemeyer spricht im Interview über seine Anfänge als Sänger, das Album „4630 Bochum“, das vor genau 30 Jahren erschien, und das erste große Konzert in der Zeche. Sein Lied „Bochum“ versteht der populäre Sänger als „Liebeserklärung an die Stadt und ihre Menschen“.

Bochum.. Vor 30 Jahren, am 14. August 1984, einem Dienstag, veröffentlichte Herbert Grönemeyer (58) sein Album „4630 Bochum“, das heute Kult-Status besitzt. Mit dem Lied „Bochum“ schenkte er seiner Heimat eine Hymne. WAZ-Redakteur Thomas Schmitt sprach anlässlich des runden Geburtstags mit dem populären Sänger.

„4630 Bochum“ als Name eines Albums dürfte 1984 wohl jedes Plattenlabel fassungslos gemacht haben. Wie kam es zu diesem Titel?

Herbert Grönemeyer: Ich war immer in erster Linie Sänger – in Bands in Bochum, am Theater. Und ich habe immer Englisch gesungen. Die erste Platte habe ich für ein Schreiber-Duo in Bochum aufgenommen. Ich weiß es noch wie heute: In einem Studio an der Königsallee haben sie mir ihre Texte hingestellt, dort habe ich das Album an einem Tag eingesungen. Ein Lied aber war von mir.

Welches?

Grönemeyer: Das war ein Lied von meiner Band Ocean Orchestra, einer zehnköpfigen Rockjazzformation mit Bläsern. Es hieß: Guten Morgen, Herr Bäcker, frische Brötchen, mein Mädchen wartet auf ihr Frühstück.

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Und wie ging’s weiter?

Grönemeyer: Mir wurde schnell klar, dass ich selber texten muss. Auf meiner zweiten Platte waren drei Texte von mir. Danach habe ich weitere Platten gemacht und gemerkt, dass ich nur über Dinge texten kann, die mir nahe liegen, die mir etwas bedeuten. Ich bin aber kein großer Geschichtenerzähler wie andere. Also habe ich überlegt: Worüber schreibst du, woher kommst du, was kannst du erzählen, was ist deine Mentalität? Bochum war das Ergebnis.

„Nach vier Alben hatte mir meine Plattenfirma in Stuttgart gekündigt. ,Aus Ihnen wird nichts’, hieß es“

Trotzdem, 4630 Bochum ist ein ungewöhnlicher Name für ein Album. Gab es keine Widerstände?

Grönemeyer: Na klar, logisch. Nach vier Alben hatte mir meine Plattenfirma in Stuttgart gekündigt. „Aus Ihnen wird nichts“, hieß es – obwohl die Platte ,Musik nur, wenn sie laut ist’, schon ein bisschen erfolgreich war. Trotzdem musste ich mir anhören: „Sie haben jetzt zwar ,Das Boot’ gedreht, aber ihre Platten will niemand, das hat keinen Sinn mit Ihnen“. Als ich dann zur EMI kam und sagte, meine nächste Platte heißt Bochum, haben die mich angeguckt, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. „Das kauft schon in Bottrop keiner“, hieß es.

WAZ-Themenwoche Die Single „Männer“ bewies das Gegenteil.

Grönemeyer: Ja, aber nicht sofort, zuerst wurde „Männer“ im Radio gar nicht gespielt. Viele Kritiker bemängelten: Der singt zu undeutlich, zu hoch, wir verstehen kein Wort.

Wie erklären Sie sich den Erfolg? Haben Sie mit Zeilen wie „Männer weinen heimlich“ oder „werden als Kind schon auf Mann geeicht“ einen Zeitgeist getroffen?

Grönemeyer: Man erklärt sich das überhaupt nicht. Man schreibt ein Lied, weil man eine Musik im Kopf hat und ein Thema und hofft dann, es passt zusammen und funktioniert. Ich habe die Nummer mal auf Holländisch gemacht. Dazu gab es eine wunderbare Kritik: „Das ist der größte Hit in Deutschland, wir verstehen überhaupt nix, das Lied ist völlig Banane, aber der Keyboarder ist gut.“

„Ich schreibe immer sehr konzentriert und hoffe, dass etwas dabei herauskommt“

Das bestätigt die These, schlechte Texte mit guter Musik funktionieren eher als gute Texte mit schlechter Musik.

Grönemeyer: Das würde ich so bestätigen, das ist mein Ansatz. Ich bin dadurch geprägt, dass ich in Bochum und Umgebung und im Sauerland früher viel in Bands gespielt habe. Wir sind in Jugendheimen und auf Feuerwehrfesten aufgetreten. Man schrieb in der Woche die Musik und am Wochenende musste man halt etwas darauf singen.

Wie entstehen Ihre Texte?

Grönemeyer: Immer am Schreibtisch. Vermutlich so, wie Sie Artikel schreiben. Ich schreibe immer sehr konzentriert und hoffe, dass etwas dabei herauskommt.

WAZ-Themenwoche Als am 14. August 1984 „4630 Bochum“ erschien, erkannten trotz des großen Erfolges der Single „Männer“ nicht alle das Potenzial des Albums, oder?

Grönemeyer: Ja, ich erinnere mich an eine Tagestour mit einem Vertriebsmann der EMI. Wir besuchten einen Plattenladen auf der Kortumstraße in Bochum und fragten den Inhaber, ob er das Album haben wolle. „Hörn se mir auf damit“, sagte dieser. „Gucken sie die ganze Scheiße hier“, dabei zeigte er auf ein Regal mit meinen Platten, „die kauft kein Mensch. Bleiben se mir weg mit dem.“ Ich stand mit hochrotem Kopf dabei. Später hat er meines Wissens bei einem anderen Plattenladen die Straße runter „Bochum“ gekauft, damit er das Album in seinem Laden anbieten konnte. Von der EMI hat er nichts bekommen.

„So ähnlich wie zuletzt das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien“

Am 16. November gab es dann das legendäre Rockpalast-Konzert des WDR in der Zeche. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Grönemeyer: Wir hatten zuvor schon zwei Abende in der Zeche gespielt zur Veröffentlichung des Albums. Zuvor waren wir immer vor 60 oder vielleicht 80 Leuten aufgetreten, im November waren es dann 1000 und das Fernsehen war dabei. Ich war furchtbar aufgeregt, mir war das alles nicht geheuer, das kam alles so überfallartig. Am Anfang steht man wirklich da mit großen Augen und fasst es alles nicht - und das auch noch in Bochum! Das war so ähnlich wie zuletzt das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien.

Themenwoche Mit Bochum begann eine unglaubliche Karriere, alle Ihre Alben schafften es bis heute auf Platz 1, Ihre Tourneen waren riesige Erfolge. 2009 gaben Sie ein besonderes Konzert in Bochum, sie spendeten den Erlös zum Bau eines Konzerthauses für die Bochumer Symphoniker. Derzeit ist das Musikforum im Bau. Werden Sie zur Eröffnung 2015 kommen?

Grönemeyer: Wenn ich da bin und Zeit habe und eingeladen werde, komme ich gern, ja klar.

Sie leben in London und Berlin, wie oft sind Sie in Bochum?

Grönemeyer: Ich bin immer wieder bei meiner Mutter, etwa alle zwei Monate.

Stimmt es, dass Sie gern zu Weihnachten in Bochum sind?

Grönemeyer: Ja, ich fahre Heiligabend immer durch die Stadt, das hat etwas Sentimentales, es gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit. Manchmal gehe ich zu einem Buchladen und kaufe die letzten Geschenke ein.

Bochum könnte auf der nächsten Tour wieder Konzertort sein

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Im Schauspielhaus läuft das Singspiel Bochum – mit 30 Liedern von Ihnen. Haben Sie es schon gesehen?

Grönemeyer: Nein, ich werde es mir aber noch anschauen. Grundsätzlich finde ich es schwierig, Lieder, mit denen ich ja immer etwas persönlich verbinde, in einen ganz anderen Kontext zu stellen. Angebote aus anderen Städten habe ich stets abgelehnt. Aber dem Schauspielhaus eine Absage zu erteilen, das ging nun wirklich nicht.

Sie arbeiten gerade an einem neuen Album. Was erwartet uns?

Grönemeyer: Das Album wird sehr melodiös sein, dicht, etwas cooler als die letzten, aber es gibt keine grundsätzlich neue Musikrichtung.

Technische Probleme und Sicherheitsbedenken

Sind in Ihrer Band noch Musiker von 1984 dabei?

Grönemeyer: Na klar. Norbert Hamm (Anm. der Red.: Bass), Alfred Kritzer (Keyboards), Jakob Hansonis (Gitarre) – und ich. Wir sind als Band 32 Jahre zusammen.

Grönemeyer Ihr Sohn Felix ist ja auch ein guter Musiker. Ist er mit von der Partie?

Grönemeyer: Nein, es stimmt aber, dass er ein hervorragender Musiker ist, vielleicht ein besserer als ich. Er hat sich aber jetzt sehr in seinen Beruf verbuddelt und ist von England nach Deutschland gezogen. Felix und Marie sind aber gute Ratgeber, sie beschäftigen sich sehr viel mit Musik.

Wird es auf der nächsten Tournee ein Konzert in Bochum geben?

Grönemeyer: Wenn es passt, auf jeden Fall. Von unserer Seite aus spricht nichts dagegen.

Auf der Tour 2012 gab es Irritationen, was den Termin in unserer Stadt anging. Es hieß, es wäre ihr letztes Konzert im Stadion an der Castroper Straße gewesen.

Grönemeyer: Das ist ausgeräumt. Es gab technische Probleme und Sicherheitsbedenken.

Noch größer war der Ärger aber, als ich bei einem Konzert nicht zwei Mal „Bochum“ gespielt habe. Das hatte aber ausschließlich damit zu tun, dass ich mir einen Nerv eingeklemmt und Schmerzen hatte.

Herbert Grönemeyer ist im September im Kino zu sehen – und zu hören

Wird es auch den Schauspieler Grönemeyer wieder geben?

Grönemeyer: Ich habe sehr lange nicht gespielt, weil ich mich um meine Kinder gekümmert habe, gerade in den 90er Jahren, weil es meiner Frau nicht gut ging. Jetzt aber habe ich wieder eine kleine Rolle gespielt, in Philip Seymour Hoffmanns letztem Film, der im September in Deutschland in die Kinos kommt. Für „A Most Wanted Man“ habe ich die Filmmusik geschrieben. Grundsätzlich würde ich gerne wieder spielen.

Wann haben Sie eigentlich die letzte Currywurst gegessen?

Grönemeyer: Vor Ewigkeiten. Das Lied stammt ja nicht von mir, sondern von Diether Krebs, der damals am Schauspielhaus war. Ich habe damals „Opel Kadett“ geschrieben.

WAZ-Aktion Opel ist ein gutes Stichwort. Das Werk hier schließt Ende 2014, trotzdem geht die Stadt nicht in Sack und Asche. Ist Bochums Umgang mit Krisen eine Stärke?

Grönemeyer: Das darf man bestimmt nicht überstrapazieren. Richtig aber ist, die Kultur der Bergleute hat Bochum und die Region geprägt. Früher ging es jeden Tag um die Existenz. Im Förderkorb ging es nicht so sehr darum, mag der mich oder mag der mich nicht, sondern um die Frage, ist der zuverlässig oder nicht, holt er mich hier raus, wenn es brenzlig wird. Das hat die Menschen geprägt und deswegen werden sie wütend, wenn man sie an der Nase herum führt.

„Bochum hat mich in meinem ganzen Wesen und Denken geprägt“

2011 haben die Leser der WAZ Sie im Wettbewerb „Bochums Beste(s)“ zur bedeutendsten Persönlichkeit der Stadt Bochum gewählt. Was bedeutet Ihnen das?

Grönemeyer: Es rührt mich enorm, diese Zuneigung ist unglaublich, sie macht einen fassungslos. Es bedeutet mir wirklich sehr viel. Ich habe dieser Stadt so viel zu verdanken, meine Denkweise, dieses Gefühl von Heimat, wie ich es in meinem Lied ‚Komm’ zur Ruhr’ für die Kulturhauptstadt 2010 beschrieben habe. Das Ruhrgebiet ist wohl die einzige Region in Deutschland, in der man sich gegenseitig auf die Schüppe nehmen kann ohne Angst zu haben, jemanden zu nahe zu treten. Noch heute geht mir das Herz auf, wenn ich diese Sprache höre. Ich war neulich beim Bäcker und konnte die Preise nicht erkennen, weil ich meine Brille nicht dabei hatte. Da sagte die Verkäuferin: „Na, Hebbert, biss auch schon ein bissken älter, kanns nich mehr so gut gucken, was? Nimm mal meine Brille.“

Mit der Hymne „Bochum“ haben Sie unserer Stadt ein wunderbares Geschenk gemacht. Andernorts scheitern Versuche, Gleichwertiges hinzubekommen, regelmäßig. Sie tragen Bochum tief im Herzen, so einfach ist das, oder?

Grönemeyer: Ja, es war ja nie mein Ansatz, extra etwas für die Stadt zu tun. Ich war komplett erfolglos und habe überlegt, was ich bin und was ich kann. Bochum hat mich in meinem ganzen Wesen und Denken geprägt. Ich bin dort groß geworden und habe dort eine wunderschöne Zeit verbracht, ich empfinde eine unheimliche Liebe zu dieser Stadt, das Lied ist eine Liebeserklärung an die Stadt und ihre Menschen.