Warum die Atheisten von Bochum „Das Leben des Brian“ zeigen

Martin Budich, Thomas Wellenreuther, Gunnar Teriet und Heike Jackler im „Sozialen zentrum Bochum“, ihrem Vorführraum.
Martin Budich, Thomas Wellenreuther, Gunnar Teriet und Heike Jackler im „Sozialen zentrum Bochum“, ihrem Vorführraum.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
„Das Leben des Brian“ am Stillen Feiertag zu zeigen, ist eine gezielte Provokation. Wer sind die Menschen, die sich so für ihr Nicht-Glauben einsetzen?

Bochum.. An wohl keinem anderen Tag im Jahr wird „Das Leben des Brian“ so oft öffentlich gezeigt wie am Karfreitag. Denn die Filmparodie über blinden Glauben steht auf dem Index für die Stillen Feiertage und wird von Atheisten als ziviler Ungehorsam gegen die Feiertagsgesetze der Länder aufgeführt. In Köln etwa läuft der „Brian“ schon seit fast einem Jahrzehnt verbotenerweise am Karfreitag – ohne dass die Stadt jemals gezuckt hätte ... Nur in Bochum ist der Teufel los.

Dafür haben Martin Budich und seine Mitprovokateure von „Religionsfrei im Revier“ gesorgt. Vor zwei Jahren kündeten sie briefreich an, den Klassiker der Komikertruppe „Monty Python“ zeigen zu wollen und zwangen so die Ämter, kein Auge zuzukneifen. Trotzdem stellte Bochum später das Verfahren ein „aufgrund der Umstände des Einzelfalls“, drohte aber bei Wiederholung mit Bußgeld – was Budich „als Versprechen auffasste“.

Tatsächlich schickte Bochum im Folgejahr gleich zwei Mitarbeiter des Umwelt- und Grünflächenamtes ins „Soziale Zentrum“ in Hamme. Die Akte liest sich wie die Persiflage einer Stasi-Observation: „Der Film wurde gegen 19.13 Uhr ca. 55 - 60 Personen vorgeführt. Es ist von Vorsatz auszugehen“ ... „Wunschgemäß wurde nicht eingeschritten oder bekannt gegeben, dass die Veranstaltung kontrolliert wurde.“ Budich habe die Gäste aber auf eine mögliche Kontrolle hingewiesen – in Anspielung auf eine Filmszene lagen Papp-Steine aus, diese „mögen bitte nicht auf die Mitarbeiter geworfen werden“.

Das Ziel ist das Bundesverfassungsgericht

Und so hat die Stadt sich 2014 doch zu einem Bußgeld von 300 Euro hinreißen lassen. Das Verfahren wird bald vor dem Amtsgericht landen, am liebsten wäre den Atheisten ein gnadenloses Urteil ohne Revisionsmöglichkeit. Dann könnten sie gleich vors Bundesverfassungsgericht ziehen, um das Feiertagsgesetz von NRW überprüfen zu lassen. Die Stadt kommentiert nicht mit Blick auf das schwebende Verfahren. Wie sie sich am Karfreitag 2015 verhält? „Wie in jedem Jahr gehen wir Verdachtsfällen nach und kontrollieren im Rahmen unserer Möglichkeiten.“

Aber was sind das für Leute, die sich so für ihr Nicht-Glauben einsetzen?

Feiertagsgesetz Die Buchhalterin Heike Jackler aus Bochum etwa „war gläubig, bis ich Ende der 90er für einen Freund eine Theologiearbeit abgetippt habe – biblische Quellenkritik. Wenn das alles nur eine Sage ist, dachte ich, was machst du dann noch in diesem Verein?“ Heute lebt die 52-Jährige „endlich in Übereinstimmung mit meiner Skepsis.“ Als Kirchensteuerexpertin des Atheisten-Bundes IBKA hat sie sich jüngst um einen Franzosen gekümmert, der sich in Deutschland als konfessionslos gemeldet hatte. Die Behörden recherchierten, dass er getauft war. Er sollte Kirchensteuer zahlen – obwohl in Frankreich ein Kirchenaustritt nicht vorgesehen ist.

Solche Dinge regen die etwa hundert Mitglieder von „Religionsfrei im Revier“ auf. Darum geht’s.

Dr. Thomas Wellenreuther, Unternehmensberater aus Havixbeck etwa setzt sich auch in der Landes-FDP für eine konfessionsübergreifende Religionslehre an Schulen ein. Ihm habe schon als Jugendlicher imponiert, dass der konfessionsfreie Teil seiner Familie in der Nazizeit Juden geholfen hat.

Als Querkopf bekannt und stolz darauf

Und warum können konfessionsgebundene Schulen Schüler oder Mitarbieter aufgrund ihres Glaubens ablehnen – obwohl sie wie auch die kirchlichen Kitas und Krankenhäuser ja ganz oder überwiegend vom Staat bezahlt werden. Das fragt Martin Budich (64), in Bochum als Querkopf bekannt seit seiner Zeit als Studentensprecher. Er verließ schon in der Oberprima die Kirche, bestand aber darauf, weiter den Religionsunterricht besuchen zu dürfen „Ich stand ja immer eins, weil der Pfarrer so gerne mit mir stritt.“ Letztlich musste seine Extrawurst damals vom Kultusministerium genehmigt werden – man kann offenbar süchtig werden nach solchen Erfolgserlebnissen.

Aber haben sie hier denn gar kein Verständnis für Positionen wie die des Bistums Essen? Dessen Sprecher Ulrich Lota: „Es mag anachronistisch anmuten und schwer auszuhalten sein, dass man an vier Tagen nicht machen kann, was man will. Aber offenbar findet es die Gesellschaft wichtig, dass sich vier Tage unterscheiden, an denen wir Stille halten, darunter der nicht-christliche Volkstrauertag. Dass es so etwas gibt wie Tod und Trauer und Leid, an die es zu erinnern gilt. Wenn man das Gesetz bricht, muss man in der Regel mit Sanktionen rechnen.“

„Es ist eine Anmaßung, etwas für heilig zu erklären und andere damit zu gängeln.“, sagt Thomas Wellenreuther.

„Mir ist der Film heilig“, sagt Drucker Gunnar Teriet (36).

Religion Ihre Aktivität, sagen die Atheisten, richte sich auch nicht gegen Kirchen oder Gläubige, sie sei politisch. „Es ist ein Kennzeichen fundamentalistischer Staaten, Religionsdinge für allgemeinverbindlich zu erklären“, sagt Budich. Die Argumente, finden sie, sind die gleichen wie beim Streit um die Mohammed-Karikaturen. Inklusive Humor als Brechstange. Vereinsanwalt Erich Eisel etwa unterschreibt seine Briefe an die Stadt gern mit einem Filmzitat: „PS: Always look on the bright side of life.“

Das Feiertagsgesetz und der Karfreitag

Grundlage für die Zensur von Filmen wie „Das Leben des Brian“ am Karfreitag sind die Feiertagsgesetze der Bundesländer. In NRW regelt Paragraf 6, dass keine Filme öffentlich gezeigt werden dürfen, „die nicht vom Kultusminister oder der von ihm bestimmten Stelle als zur Aufführung“ anerkannt sind. Aufführung meint hier: in Kinos oder anderweitig nicht privatem Rahmen – allerdings bezihet sich das Gesetz nicht auf den Rundfunk. Im Fernsehen kann laufen, was will.

Allerdings haben die Kultusminister diese heikle Aufgabe an die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) ausgelagert. Dort entscheiden immer fünf Gutachter pro Film über Altersfreigabe und Tauglichkeit für die Feiertage. Die Gutachter werden nach einem bestimmten Schlüssel ausgewählt, auch die zwei großen Kirchen und der Zentralrat der Juden sind repräsentiert (die muslimischen Verbände konnten sich nicht einigen).

Nicht jeder Film wird auf Tauglichkeit geprüft – eine Grauzone. Zeigt zum Beispiel eine Gaststätte einen nicht geprüften Film, läuft sie Gefahr in einen Rechtsstreit zu geraten. Eine Prüfung beantragen in der Regel die Verleiher. Denkbar ist auch ein Antrag von Land oder Kinobetreibern. Ob auch ein Verein wie „Religionsfrei im Revier“ einen solchen Antrag stellen könnte, ist unklar.“

Welche Kriterien für die Feiertagstauglichkeit herangezogen werden? Nun, „John Rambo“ zum Beispiel ist zwar nicht jugendfrei (ab 18), darf aber „an allen Tagen“ gezeigt werden. „Das Leben des Brian“ dagegen geriet bei seiner Veröffentlichung 1980 auf den Index. Eine zweite Prüfung 1999 bezog sich nur auf die Altersfreigabe und setzte diese von 16 auf 12 Jahre herab – eine erstaunliche Einstufung für einen Film, der keine Sex- und auch keine ernstzunehmenden Gewaltszenen enthält.