Von verzweifelter Komik
26.02.2008 | 20:37 Uhr 2008-02-26T20:37:07+0100Der Ignorant und der Wahnsinnige. Regisseur Burghart Klaußner inszeniert Thomas Bernhards zweites Theaterstück: "Darin sind alle Motive versammelt, die er später variiert hat."
Noch bevor Elmar Goerden seine Intendanz in Bochum angetreten hatte, sprach er von der Verlockung, die Stücke von Thomas Bernhard auf ihre heutige Brisanz zu überprüfen. Bekanntlich sind viele davon am Schauspielhaus unter Claus Peymann weithin beachtet uraufgeführt worden. Wie würde ein Regisseur den Theatermacher oder den Weltverbesserer Jahrzehnte nach Entstehung der Stücke deuten? Nun steht zum ersten Mal in der Goerden-Intendanz die Inszenierung eines großen Stücks von Thomas Bernhard auf dem Spielplan - und es ist just ein Bühnenwerk, das in Bochum noch nicht gezeigt worden ist.
Der Ignorant und der Wahnsinnige: 1972 bei der Uraufführung während der Salzburger Festspiele sorgte das zweite Stück des österreichischen Grantlers für einen veritablen Skandal. Doch nicht beileibe wegen des Textes, sondern allein durch die Tatsache, dass es zum Schluss nicht - wie es Thomas Bernhard forderte - stockfinster im Saal wurde. Die Notbeleuchtung blinzelte weiter. Welch glückliche Zeit, in der solch eine winzige Nichtbeachtung des Dichterwunsches für Schlagzeilen sorgen konnte!
Und so hat auch nicht der damalige Sturm im Wasserglas Burghart Klaußner dazu verleitet, zu diesem frühen Bühnenwerk Bernhards zu greifen, sondern vielmehr die Einsicht, "dass darin all die Bernhardschen Motive versammelt sind, die er später immer wieder variiert hat", so der Regisseur. Das "Sprengmaterial", das dem Stück inne zu wohnen schien, habe sich ohnehin schon nach der Premiere "zu einem Konfettiregen des Erfolgs verwandelt", meint Klaußner. Spätestens seit der Uraufführung durch Claus Peymann hatte sich Thomas Bernhard als Bühnenautor etabliert.
Das Stück entstamme einer Zeit der Provokationen voller Überwältigungs- und Behauptungsernergie - aber auch "der arroganten hochfahrenden Geste", die "die Welt in ihre Schranken weisen" wollte. Dieser "Aufbruchswille" (aus der 68er-Revolte entstanden) hat sich nach Ansicht von Burghart Klaußner "in eine gemütliche Mitte" verwandelt. Wie wirkt das Stück, das einer "utopienreichen Zeit ent-sprungen ist", in unserer Gegenwart? Der Regisseur sieht darin heute "eine Familiengeschichte"; natürlich nicht wie in der "Pension Schöller".
Das Stück - mit archai-schem Personal - beziehe seine bleibende Wirkung "aus den sehr dichten Beziehungen, die die Figuren untereinander haben." Wie soll man überleben? Wie komme ich mit einem täglichen Trick durch den Tag? Das seien Fragen, die Bernhard in seinem Stück stelle. Und natürlich "steht das Todesmotiv" - wie könnte es anders sein bei Bernhard - auch über diesem Stück.
In der Opern-Garderobe erwarten der Doktor und ihr blinder, trunksüchtiger Vater ungeduldig das Erscheinen der weltberühmten Sängerin, der "Koloraturmaschine", die sich als absolutes Kunstgeschöpf zur Spezialistin für Mozart Königin der Nacht perfektioniert hat. Währenddessen doziert der Doktor über das korrekte Sezieren von Leichen.
Um des Doktors Handwerk besser kennen zu lernen, hat Regisseur Klaußner der Pathologie der Uni Witten-Herdecke einen Besuch abgestattet, um genau zu erkunden, wie der Fachmann mit dem Präparat - sprich: der Leiche - umgeht. Noch während der Pressekonferenz ist dem Regisseur anzumerken, wie sehr ihn diese eigenwillige Stippvisite beeindruckt hat.
Das Stück "Der Ignorant und der Wahnsinnige" hat am 1. März in den Kammerspielen Premiere.

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