Von der Poesie des Schmerzes
12.12.2007 | 20:33 Uhr 2007-12-12T20:33:11+0100Die neue Ausgabe der Macondo-Literaturzeitschrift widmet sich leidvollen Erfahrungen.Autoren beschreiben körperliche und seelische Blessuren. Kinderangst und Agonie
Aus einem Wohlgefühl oder der Harmonie mit der Welt ist nur selten große Kunst entstanden. Erst der Schmerz, das Verzagen an den Gegebenheiten des Lebens birgt den Humus für künstlerische Höhenflüge. Es gab melancholische Philosophen, die meinten, je stärker der Mensch leide, desto näher rücke er der Wahrhaftigkeit. Nun, so tief schürfen die Texte nicht generell, die Frank Schorneck und Petra Vesper in der neuen Ausgabe ihrer Literaturzeitschrift Macondo versammelt haben. Doch heitere Impressionen sind natürlich Mangelware bei diesem Thema: Schmerz!
"Zunächst erreichten uns die üblichen Herz-Schmerz- und Liebeskummer-Gedichte", erzählt Frank Schorneck: "Die haben wir schnell aussortiert." Die Macondo-Pressekonferenz fand gestern aus gutem Grund auf dem kleinen Weihnachtsmarkt vor den Augusta-Krankenanstalten statt. Nicht nur der (besiegte) Schmerz im Haus zog die Macondo-Macher auf die rustikalen Bänke vor dem Eingang: "Augusta" hat das neue Heft auch maßgeblich gesponsert.
Doch zurück zum Thema "Schmerz", das die Macondo-Ausgabe bestimmt, die 18. ihrer Art im übrigen: "Wir sind jetzt volljährig", meint Petra Vesper schmunzelnd. 300 Einsendungen mussten gelesen und bewertet werden. Die Briefe und Mails kamen aus den deutschsprachigen Ländern sowie Frankreich, Großbritannien, Irland und Spanien. Schließlich gelangten die Beiträge von 28 Autorinnen und Autoren ins Heft. Darunter finden sich neben noch jungen Autoren, die erst eine Handvoll Veröffentlichungen vorzuweisen haben, auch bekannte Namen wie Ulrike Draesner, Marcus Jensen oder Daniel Zahno. Auch der Bochumer Lyriker Michael Starcke hat ein Gedicht beigesteuert.
Die Texte behandeln sowohl körperliche als auch seelische Schmerzen - von den Qualen der Geburt bis zur Agonie des Todes. Von kindlicher Trauer bis zu Altersdemenz reicht die Palette der schmerzhaften Tönungen. Natürlich: Auch Liebeskummer und Abschiedsschmerz finden literarischen Ausdruck, aber ebenso politisch motivierte Folter und Kriegsgeschrei. "Selbst der sado-masochistische Bereich wird gestreift", erläutert Frank Schorneck.
Gleichberechtigt neben den Texten stehen die Bilder von 18 Fotografinnen und Fotografen. Der Ukrainer Sergej Bratkov ist mit Fotos aus seiner Waisenhaus-Serie "Birds" vertreten, die Brasilianerin Rosangela Renno mit einer Arbeit aus ihrer Reihe mit Gefängnis-Tattos.
Erschreckend bis schockierend sind die Ablichtungen der Bochumer Künstlerin Monika Ortmann. Insgesamt ist das Themenspektrum auch bei den Abbildungen, die keine Texte illustrieren, sondern diesen nur assoziativ zugeordnet sind, sehr weit gefasst.
Ausführlich ist wie immer der Macondo-Service-Teil mit Rezensionen und Specials, darunter ein Beitrag zum Geburtstag der Fotoagentur "Magnum". In der Rubrik "Herzensbuch" widmet sich der Bochumer Autor Frank Goosen J. D Salingers "Der Fänger im Roggen". Wer Frank Goosens bisheriges schriftstellerisches Werk kennt, wundert sich über diese Auswahl nicht. Vielleicht sollte man den "Fänger" auch selbst einmal wiederlesen.
Macondo zum Thema "Schmerz" ist ab sofort im Buchhandel zu bekommen und über Amazon.de.

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