Vom Kult um Bismarck ist in Bochum nichts geblieben

Der Bismarckturm gehört zu den meist besuchten Orten in Bochum, wie hier beim Stadtparkfest.
Der Bismarckturm gehört zu den meist besuchten Orten in Bochum, wie hier beim Stadtparkfest.
Foto: WAZ FotoPool / Olaf Ziegler
Was wir bereits wissen
Heute ist der 200. Geburtstag des „Eisernen Kanzlers“. Reichsgründer wurde früher auch in Bochum entsprechend geehrt. 1910 entstand der Bismarckturm.

Bochum.. Heute ist der 200. Geburtstag Otto von Bismarcks. Am 1. April 1815 wurde der später so genannte „Eiserne Kanzler“ geboren. Das historische Jubiläum geht mehr oder weniger spurlos an Bochum vorbei, aber das war nicht immer so. Denn bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wurde auch in Bochum ein regelrechter Bismarck-Kult betrieben.

Noch vor Kaiser Wilhelm I. war Bismarck die am häufigsten geehrte Person, wenn es ums Gedenken an die Reichsgründung 1871 ging. Bereits 1886 war ihm für seine Verdienste die Ehrenbürgerschaft verliehen worden; da war ihm längst auch eine Straße gewidmet. Nicht irgendeine Straße, sondern die Magistrale durch die kleine „Stadtkrone“ zwischen Altstadt und Nordbahnhof, dem heutigen Ostring.

Bis in die 1930er Jahre gab es viele Bismarck-Freunde

An der damaligen Bismarckstraße war nicht nur die Kaufmännische Schule angesiedelt, sondern auch das städtische Real-Gymnasium, das spätere Gymnasium am Ostring. Vor dessen repräsentativer wilhelminischer Fassade stand denn auch das Bismarck-Denkmal. „Der Plan, es zu errichten, war 1895 anlässlich der Vorbereitungen zum 80. Geburtstag aufgekommen“, weiß Eberhard Brand, Vorsitzender der Kortum-Gesellschaft, der sich zum 200. Geburtstag Bismarcks explizit mit dessen Bochumer Bezügen auseinandergesetzt hat. Für das stattliche Standbild waren 30.000 Mark aus städtischen Mitteln bereit gestellt worden. Am 10. Mai 1896 wurde das Denkmal, auf das man in Bochum so stolz war, feierlich eingeweiht. Keine 50 Jahre später, 1943, wurde diese Bronzefigur wie andere auch zu Rüstungszwecken eingeschmolzen.

„Bis in die 1930er Jahre hinein gab es sehr viele Bismarck-Freunde, auch in Bochum“, so Brand. So gab es z.B Postkarten mit dem Bismarckdenkmal, die gerne verschickt wurden. Der Kult um den „Alten aus dem Sachsenwald“ nahm im nationalistisch gesinnten Deutschen Reich nach dem Tode des Alten 1898 noch zu. Auffälligstes Zeichen ist bis heute der 1909/10 erbaute Bismarckturm im Stadtpark. Der Turm, einer der größten seiner Art unter den über 100 im Reich und in den Ex-Kolonien, war eine regelrechte Pilgerstätte; zu Bismarcks Geburtstag leuchtete zuoberst eine Feuerschale. Heute ist er ein beliebter Aussichtspunkt, der seine deutschnationale Geschichte nicht mehr vor sich herträgt, sondern im Innen anhand von Dokumentationen kritisch hinterfragt. – An den Reichsgründer erinnert im heutigen Bochum somit nur noch wenig. Allerdings hat die Bismarckstraße in Wattenscheid die Zeiten überdauert.