Vier Gypsy-Bands swingen in Bochum um die Wette

Auch der virtuose Gitarrist Joscho Stephan (li.) schaut mit seinem Ensemble vorbei.
Auch der virtuose Gitarrist Joscho Stephan (li.) schaut mit seinem Ensemble vorbei.
Foto: Fabian Strauch / FUNKE FotoServi FUNKE
Was wir bereits wissen
Das Nadeshda-Festival präsentiert am 9. und 11. Juli im Kulturrat Bochum hochklassigen Zigeuner-Jazz und informiert über die Sinti und Roma in Deutschland.

Bochum.. Es stimmt, dass der Jazz in den USA erfunden wurde, aber auch Europa hat seine Spielart der Improvisationskunst zu bieten, die hier, auf dem alten Kontinent, entstanden ist: Gypsy-Swing, auch Zigeuner-Jazz genannt. Wie diese in den 1930er Jahren geborene virtuose Musik heutzutage klingt, das bezeugt das „Nadeshda“-Festival am 9. und 11. Juli im Kulturrat Gerthe. Es versammelt vier führende Ensembles des Genres erstmals en bloc und erstmals in Bochum.

Django Reinhardt als Vorbild

Der Begriff „Zigeuner-Jazz“ bzw. der von den Musikern nicht zuletzt mit Blick auf ihr Publikum gewählte Terminus „Musik deutscher Zigeuner“ kam in den 1960er Jahren auf, weil die Musik eng mit Sinti-Künstlern im Umkreis des Violinisten Schnuckenack Reinhardt und des Gitarristen Häns’che Weiss verbunden war. Stilistisch orientierte und orientiert sich nach wie vor alles am großen Vorbild des Gitarristen Django Reinhardt (1910-1953) und dessen Hot Club de France-Quintett.

Mischung verschiedener Stile

Das Besondere Reinhardts Sound war in den frühen 1930er Jahren die Mischung aus drei verschiedenen Musikstilen: Der Sohn von Manouches (=französischsprachige Sinti) schuf aus dem New-Orleans-Jazz der 1920er, den französischen Musette-Walzern und der traditionellen Roma-Musik einen neuen Stil, den man Gypsy Swing nannte. Er ist neben der jazzgemäßen Rhythmik durch Akkordeffekte und Stimmungen gekennzeichnet wie sie in der moderneren Klassik etwa Kompositionen für Claude Debussy oder Maurice Ravel typisch sind.

Einflüsse auch aus der Klezmer-Musik

Aus der anfangs traditionsgeleiteten Fraktion von Sinti-Musikern löste sich ab den 1980er Jahre die jüngeren Musiker. Sie tendieren teilweise stärker in Richtung Modern Jazz oder sind beeinflusst von der Klezmermusik. Beim Nadeshda-Festival in Gerthe geben sich am Samstag (11.7.) ab 16.30 Uhr nacheinander das Ricky-Adler-Quintett, das Danny-Weiss-Quartett, das Joscho-Stephan-Quartett und das Rigo-Winterstein-Swingtett die Ehre – großartige Ensembles, die musikalisch über alle Zweifel erhaben sind.

Begegnung mit den Musikern

„Nadeshada“ ist russisch und bedeutet „Hoffnung“: Das Motto des Festivals steht auch für einen über-musikalischen Ansatz. „Wir verbinden mit dem Festival das Anliegen, über den Musikgenuss hinaus eine Begegnung den den Musikern herbeizuführen“, betont Kulturrat-Organisatorin Ilse Kivelitz. So wird nicht nur Live-Musik geboten, sondern auch über die Lebensunstände von „Zigeunern“ in Deutschland informiert: Noch immer leben die meisten Sinti und Roma am Rande der Gesellschaft, werden mit Argwohn betrachtet und mit Vorurteilen belegt. Und: „Wem ist schon bewusst, dass auch 60 000 ,Zigeuner’ Opfer des Nazi-Regimes wurden?“, fragt Ilse Kivelitz.

Einzel- und Kombitickets

Für das außergewöhnliche Gypsy-Event werden Einzel- und Kombitickets (10 bis 20 Euro) sowie eine Festivalkarte (25 Euro) angeboten. Vorbestellung erforderlich unter 0234/86 20 12.