Usedom statt Alpenrahm
27.01.2012 | 17:31 Uhr 2012-01-27T17:31:00+0100
Bochum. Die WAZ hat eine ominöse Verkaufsveranstaltung in Bochum-Werne begleitet. Das Ordnungsamt kündigt ein Verfahren gegen den Veranstalter an.
Unter falschen Voraussetzungen waren die 20 Senioren in die Werner Gaststätte „Flora“ eingeladen worden. Es sollte Alpenrahmbutter geben, französischen Schinken und weitere großzügige Geschenke: alles gratis, hieß es im Anschreiben. „Alles, was auf diesem Zettel steht, ist gelogen“, sagt ein Mann mit Mikrofon und tritt nach vorn. Was er nicht verrät: Seine Veranstaltung ist illegal. Denn angemeldet war sie bei der Stadt nicht – und somit „nicht ordnungsgemäß“, betont Stadtsprecherin Barbara Gottschlich.
„Das wird Konsequenzen haben“
Erstaunt blickt der Verkäufer drein, als plötzlich das Ordnungsamt vor der Kneipentür steht. Reisegewerbekarte? Offensichtlich Fehlanzeige. „Das wird Konsequenzen haben“, kündigt ein Mitarbeiter der Behörde an. „Wenn jemand öffentlich mit Versprechen wirbt, die nicht erfüllt werden, leiten wir ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein“, bekräftigt Barbara Gottschlich.
Doch davon wissen die Gäste nichts. „Willkommen zu unserer Reisepräsentation“, steht auf einer Leinwand im gemütlichen Ambiente des Hauses. Verunsichert blicken die Senioren auf ihre Einladung, auf der von „Delikatessen der Provence“ die Rede ist. Nun aber bietet der Verkäufer mit dem Bürstenhaarschnitt Reiseziele in aller Welt an.
„Scampis bis zum Platzen“
„Wir haben doch schon so viel gesehen“, sagt eine 75-jährige Frau zu ihrem Mann. „Wohin sollen wir denn reisen?“ Der Verkäufer will begeistern: für Urlaubsziele wie die Türkei, im Fünf-Sterne Hotel, alles inklusive für 549 Euro – oder Kroatien, inklusive Glasboden-Bootsfahrt und „Scampis bis zum Platzen“, wie er verspricht. Kostenpunkt: 649 Euro. Tatsächlich: Einige der Reisen finden Käufer. Großen Zuspruch finden vor allem heimische Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern, Usedom und Ostfriesland.
„Anzahlen braucht der Kunde gar nichts, er muss nur überweisen“, wirbt der Mann mit dem Mikrofon für sein Gesamtpaket. Eine Reiserücktrittsversicherung , die mit 82,11 Euro pro Person und Reise zu Buche schlägt, muss zusätzlich berappt werden.
Vier von 20 Gästen unterschrieben
Letzte anfängliche Zweifel bei der so heiteren Veranstaltung verwerfen die Senioren beim großen „Sonder-Tombola-Spiel“. Sechs Damen und Herren dürfen ein Ziel wählen, bekommen 250 Euro Rabatt, eine Reise nach Salzburg und Trentino angeblich noch kostenlos dazu. Drei Jahre dürfen sich die „Gewinner “ bis zum Antritt der Reise Zeit lassen. „Die meisten von Ihnen haben 2012 bestimmt eh schon verplant“, sagt der Mann mit dem Mikrofon verständnisvoll.
Am Ende des Tages entscheiden sich vier von 20 Gästen für eine Busfahrt oder Flugreise in die Ferne. Doch selbst jene, die eine Unterschrift geleistet haben, können aus dem Vertrag problemlos wieder aussteigen: „Es gibt ein 14-tägiges Widerrufsrecht nach Leistung der Unterschrift. So ist das Gesetz“, sagt Andrea Thume von der Verbraucherzentrale. „Es wurde schon lange erkannt, dass hier ein Schutzbedürfnis herrscht.“ Sollte die Widerrufsbelehrung nicht korrekt sein oder gar fehlen, verliert der Vertrag komplett seine Gültigkeit.
Strenge Auflagen für "Wanderlager"
Auch ihrer Kollegin Heike Higgen sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen Senioren windigen Geschäftsmachern auf den Leim gingen. So wurde ihnen u.a. ein Geschirr im angeblichen Wert von 15.000 offeriert. Sie sollten es für „schlappe“ 4000 Euro kaufen können, wenn sie denn das Service gravieren ließen.
Ein Wanderlager, wie solche Verkaufsveranstaltungen nach Angaben des Ordnungsamtes auch genannt werden, ist nur dann ordnungsgemäß, wenn es nach Paragraf 56a der Gewerbeordnung angemeldet wird. So muss der Veranstalter unter anderem etwa über eine Gewerbekarte verfügen und mindestens zwei Wochen vor Beginn der Veranstaltung die zuständige Behörde vor Ort informieren.

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