Trickdiebinnen stehlen Senior (100) in Bochum 2800 Euro

In der eigenen Wohnung wurde Paul K. von Trickdiebinnen bestohlen.
In der eigenen Wohnung wurde Paul K. von Trickdiebinnen bestohlen.
Foto: WAZ FotoPool
Zwei Trickdiebinnen haben in Bochum einen 100-Jährigen überlistet und 2800 Euro gestohlen. Die Polizei spricht von einer "ganz, ganz miesen Tat".

Bochum.. Wenn es klingelt, zuckt Paul K. in seinem Lieblingssessel zusammen. Auch drei Tage danach noch. Es klingelt oft an diesem Freitag, weil der 100-Jährige Medienvertretern erzählt, was ihm am Dienstag widerfahren ist: Auch da hat es geschellt, um die Mittagszeit, gegen 12 Uhr, wenn die Kirchturm-Glocken in Langendreer bimmeln. K. hätte aus seinem Wohnzimmerfenster im ersten Stock schauen können, wer da vor dem Haus steht, doch er drückt gutgläubig den Türöffner. Zwei Frauen kommen ins Treppenhaus, „Monika“ nennt sich die kleinere, „Claudia“ die größere, 50 bis 60 Jahre alt sollen beide gewesen sein und lange schwarze Haare gehabt haben. An weitere Details kann sich der Rentner nicht mehr erinnern.

„Die haben mich einfach übers Ohr gehauen“

Die Trickdiebinnen geben vor, einen Blick in die leerstehende, verschlossene Wohnung im zweiten Stock werfen zu wollen. K. lässt sie in seine, die baugleich ist, die drei suchen das Wohnzimmer auf. Erst geht eine der Frauen für längere Zeit angeblich zur Toilette, dann muss der 100-Jährige selbst zum WC. Monika und Claudia verabschieden sich, jetzt wird K. misstrauisch und prüft seine geheimen Verstecke. Mit den Trickdiebinnen sind drei Kuverts verschwunden, eins aus dem Kleiderschrank und zwei aus einem Fach im Klavier, auf dem K. täglich noch eine halbe Stunde spielt. Die Beute der Frauen: 2800 Euro. „Die haben mich einfach übers Ohr gehauen“, ärgert sich der Senior, „ich war ein dämlicher Kerl.“

Eigentlich sollte K. seinen Lebensabend hier in dieser ruhigen Seitenstraße genießen, nach einem an Erfahrungen reichen Leben. Seine Frau, eine Liebe aus Schulzeiten, hat der gebürtige Schlesier am 8. Januar 1938 geheiratet. Im Zweiten Weltkrieg hat K. für die Wehrmacht sechs Jahre lang an so ziemlich jeder Front gekämpft. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in Heiligenhafen fragen ihn britische Soldaten, ob er lieber unter Tage oder auf dem Bau arbeiten wolle. „Unter die Erde wollte ich nicht“, antwortet K., den es mit seiner Frau nach Ostfriesland verschlägt.

In den 50er Jahren landet die Familie dann doch noch im Ruhrgebiet. K. findet in Bochum einen Job als Maurer. In die Wohnung, in der der Senior heute noch lebt, ist die Familie eingezogen, als das Haus Ende der 50er Jahre gebaut worden ist. Über dem Sofa im Wohnzimmer hängt ein Bild von St. Bartholomä am Königssee, der musisch Begabte hat es selbst gemalt, nach einer Postkarte. Die Frau ist schon vor 20 Jahren gestorben, der Sohn vor fünf, Enkel und Urenkel leben mittlerweile in Brandenburg. „Ich bin hier der letzte Mohikaner“, erzählt der 100-Jährige lachend.

Am Nachmittag soll noch ein TV-Sender anrücken

„Die Bandscheibe zwickt ein bisschen - nach dem Aufstehen“, sagt K., der für sein Alter erstaunlich fit geblieben ist. Der 100-Jährige versorgt sich in seiner Wohnung noch selbst, dank regelmäßiger Rundgänge durch den Stadtteil ist er in Langendreer ein bunter Hund. Zwischen zwei Presseterminen am Freitag macht sich der Senior sein Mittagessen. Es gibt Reis mit Fischstäbchen und einen Joghurt. „Ich muss sehen, wie ich allein fertig werde“, sagt der Senior. Es scheint ganz gut zu klappen. Eine Nachbarin schaut regelmäßig nach dem Rechten. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als die Trickdiebinnen zuschlugen, war sie einkaufen: „Sonst passe ich immer auf.“

Am Nachmittag soll noch ein TV-Sender anrücken. K. wird wieder zucken, wenn es klingelt und dann öffnen. Wenn dieser Tag vorbei ist, will der 100-Jährige mehr Vorsicht walten lassen: „Ich mache jetzt nicht mehr einfach auf und gucke erstmal aus dem Fenster.“