Traum-Maße werden zum Albtraum
27.01.2012 | 06:55 Uhr 2012-01-27T06:55:00+0100
Bochum. Bochumer Fachärzte warnen vor Magersucht und anderen Essstörungen. Casting-Shows wie „Germany’s next Topmodel“ könnten Auslöser für die lebensbedrohlichen Erkrankungen sein.
Heidi Klum lässt sich scheiden . Prof. Stephan Herpertz ist darüber nicht eben unglücklich. „Endlich bekommt das Idealbild dieser Frau eine Schramme ab“, sagt der Psychotherapeut. Er weiß: Manche Mädchen, die Heidi und ihren Topmodels nacheifern, ruinieren ihre Gesundheit. Einige riskieren ihr Leben.
15.000 Bochumer leiden an Essstörungen. Genauer: Bochumerinnen . Denn der Kampf um Kilos und Kalorien wird meist von Frauen ausgetragen. Die einen essen zu wenig, die anderen zu viel. Fast alle werden von Depressionen geplagt. Anlass für das LWL-Universitätsklinikum und das Bochumer Bündnis gegen Depressionen, ihre regelmäßige Bürger-Info am Donnerstagabend den Essstörungen zu widmen.
Das Verhängnis nimmt im Teenie-Alter seinen Lauf. „Mädchen zwischen 12 und 14 definieren ihr Selbstwertgefühl über ihren Körper. Casting-Shows wie ,Germany’s next Topmodel’, die in dieser Altersgruppe besonders beliebt sind, vermitteln ein fatales Schönheitsideal“, warnt Prof. Herpertz, Direktor der LWL-Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Der Traum von Modelmaßen mündet mitunter in Magersucht . „Die Mädels hungern, treiben exzessiv Sport, schlucken Abführmittel, magern ab – und fühlen sich doch als ,zu dick’, als Versager, und werden depressiv. Aus eigener Kraft gibt es kaum ein Entrinnen aus der Spirale. Die Todesrate ist erschreckend hoch“, berichtet Prof. Herpertz.
Behandlung unbedingt durch Experten
Jede dritte Magersüchtige leidet mit 17, 18 Jahren an Bulimie. Die Ess-Brech-Sucht entfacht Heißhungerattacken. Um nicht zuzunehmen, wird das Essen ebenso regelmäßig erbrochen. Auch die Bulimie geht oftmals mit Depressionen einher – ebenso wie die dritte Spielart der Essstörung, das „Binge Eating“: unkontrollierte Fressanfälle, bei denen das Gegessene nicht erbrochen wird. Folge: Übergewicht bis zur Fettleibigkeit (Adipositas).
Egal ob das Essen die Seele oder die Seele das Essen belastet: „Die Behandlung dieser Erkrankungen gehört unbedingt in die Hände von Experten – und das so frühzeitig wie möglich“, appelliert LWL-Klinikdirektor Prof. Dr. Georg Juckel. Immerhin, betont Prof. Herpertz, kann jede zweite Patientin durch eine ambulante oder stationäre Psychotherapie dauerhaft geheilt werden.
Auf Einsicht Therapie aufbauen
Gerade bei jungen Mädchen sind die Eltern zum rechtzeitigen Handeln aufgerufen. Alarmzeichen? Die Experten sprechen vom Tunnelblick. „Wenn die Gedanken des Kindes nur noch ums Essen und Abnehmen kreisen, kaum noch etwas gegessen wird, die Konzentrationsfähigkeit leidet, Freunde und Familie vernachlässigt werden, ist Gefahr in Verzug“, so Prof. Juckel.
Zwar sei es unmöglich, eine Therapie gegen den Willen einer Magersüchtigen durchzuführen. „Doch wir setzen anfangs kleine Ziele, etwa eine Zunahme um 400 Gramm in drei Wochen: der Familie, dem Freund zuliebe. Das Ziel wird verfehlt. Dafür wächst die Einsicht, krank zu sein. Darauf lässt sich dann eine Therapie aufbauen“, so Prof. Herpertz.
Ein normales, suchtfreies Leben kann wieder beginnen. Nur bei Heidis „Topmodels “ sollte die Glotze ausbleiben.
Das LWL-Universitätsklinikum an der Alexandrinenstraße hält eine Ambulanz für Essstörungen bereit. Unter 0234 50 77 33 33 kann ein Gesprächs- und Beratungstermin vereinbart werden – laut Klinik binnen zehn Tagen.

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