Tod im Bochumer Hauptbahnhof - Wenn Burnout das Leben raubt

Was wir bereits wissen
Ein 54-jähriger Ehemann verübte vor einem Jahr Selbstmord im Bochumer Hauptbahnhof. Jetzt spricht die Witwe: um andere vor dem Schicksal zu schützen.

Bochum.. Frau Z.* spricht von „dem tödlichen Ereignis“. Sie meint: den Selbstmord ihres Mannes. Vor einem Jahr hat sich Herr Z. das Leben genommen. Der 54-Jährige wurde im Hauptbahnhof von einem Zug überrollt. „Sein Tod“, sagt die Witwe, „darf nicht komplett sinnlos gewesen sein.“ Deshalb klagt sie an, will mahnen, appellieren, wachrütteln. Chefs und Belegschaften ebenso wie den Medizinbetrieb, der in ihren Augen „versagt hat“.

Als glücklich beschreibt die Heilpädagogin die kinderlose Ehe mit ihrem Mann. 21 Jahre sind sie verheiratet, leben lange in Stiepel, bevor sie sich vor fünf Jahren eine Eigentumswohnung in einer Nachbarstadt kaufen. Der Sprachtherapeut arbeitet fast 30 Jahre in einer Klinik am Niederrhein. „Er liebte seinen Beruf, den Umgang mit den Patienten. Aber im Dezember 2013 war alles anders. Herr Z. klagte über die hohe Arbeitsbelastung, schien total überfordert und sagte immer wieder: ,Ich schaffe meine Arbeit nicht mehr. Und niemand hilft mir’“, schildert Frau Z.

"Ich fahre mit der Bahn"

Der zuvor so vitale und sportliche Mann (er lief Halbmarathon) bricht zusammen. Schlaflose Nächte. Tage voller Verzweiflung und Tränen. Seine Hausärztin schreibt ihn krank. Herr Z. soll stationär behandelt werden. „Doch die Kliniken in der Umgebung hatten vor Weihnachten kein Bett frei“, beschreibt Frau Z. eine „Irrfahrt“. Bei der Vorstellung im Martin-Luther-Krankenhaus kann sie gerade noch verhindern, dass ihr Mann im vierten Stock des Treppenhauses über das Geländer springt. In einer anderen Klinik findet sich endlich ein Bett. „Doch da hielt er es nur sieben Tage aus. Er lag auf einer geriatrischen Abteilung.“

Z.'s melden sich in einer Privatklinik in Bad Kissingen an. Für den 14. Januar 2014 wird ein Therapieplatz zugesagt. Am Morgen des 8. Januar macht sich Herr Z. auf den Weg nach Bochum. Er hat einen Termin bei einem Psychiater. Nein, seine Frau brauche ihn nicht mit dem Auto zu bringen. „Ich fahre mit der Bahn. Wenn du mich abholen sollst, melde ich mich.“

Herr Z. kommt nie beim Psychiater an. Um 10 Uhr beobachten Fahrgäste im Hauptbahnhof, dass sich ein Mann auffällig langsam auf dem Bahnsteig von Gleis 3 bewegt. „Plötzlich“, gibt ein Zeuge später der Polizei zu Protokoll, „lag er auf den Schienen.“ Herr Z. wird vom Regionalexpress überrollt. Eine Wiederbelebung scheitert.

Herr Z. ist tot.

Lebensmut ist zurückgekehrt

Seine Witwe fällt in ein tiefes Loch. „Ich war traumatisiert, konnte drei Monate nicht arbeiten.“ Eine Reha in Hessen gibt Kraft. Sie erfährt bis heute psychologischen Beistand. Noch ist sie nicht stark genug, sein Arbeitszimmer auszuräumen. Seine Aktentasche ist unberührt.

Warum die 54-Jährige an die Öffentlichkeit geht? „Weil der Tod meines Mannes andere Menschen vor dem Schlimmsten bewahren kann.“ An Belegschaften appelliert sie: „Achtet auf eure Kollegen. Hört auf mit dem Mobbing. Bietet eure Hilfe in der Not an!“ Die Arbeitgeber ruft sie auf: „Presst die Mitarbeiter nicht aus wie eine Zitrone! Kommt eurer Fürsorgepflicht nach.“ Und die Verantwortlichen im Gesundheitswesen mahnt sie: „Trefft Vorsorge, dass psychisch Kranke stets sofort und ausreichend versorgt werden.“

Für Herrn Z. kommt jede Hilfe zu spät. „Sein Leben, unser gemeinsames Leben ist zerstört worden.“ Frau Z. bleibt trauernd und wütend zurück. Doch ihr Lebensmut ist zurückgekehrt. 2015 soll einen Wendepunkt markieren. „Ich gebe nicht auf, so schwer es auch ist. Das bin ich ihm schuldig.“

Jährlich über 30 Suizide in Bochum

Herr Z. ist einer von über 30 Bochumern (drei Viertel Männer), die sich jährlich in Bochum das Leben nehmen, Die Hauptgründe: Depressionen und Burnout.

„Jeder dritte bis vierte Bürger durchlebt einmal im Leben eine psychische Erkrankung. In der von Leistungsdruck geprägten Arbeitswelt verzeichnen wir gerade beim Burnout eine dramatische Zunahme“, sagt der Ärztliche Direktor der LWL-Universitätsklinik, Prof. Dr. Georg Juckel.

Beim Burnout mündet ein oft jahrelanger Leidensweg in der totalen Erschöpfung von Geist, Körper und Seele. Man kann und will nichts mehr tun, nichts mehr geben. Gleichgültigkeit, soziale Isolation und innere Leere stellen sich ein. Selbstmordgedanken kommen auf.

"Die Anforderungen sind gewachsen"

Betroffen sind Arbeiter, Angestellte und Selbstständige gleichermaßen. Juckel: „Die Anforderungen in nahezu allen Branchen sind enorm gewachsen. Der Stress steigt, private Konflikte nehmen zu, das psychische Gerüst wankt. Wer in diesen Phasen seine Belastungsgrenze dauerhaft überschreitet, sich ständig selbst überfordert, empfindet Verzweiflung und das Gefühl, alles nicht mehr zu schaffen.“

Juckel bestätigt, dass die Wartezeiten bei niedergelassenen Nervenärzten inzwischen bis zu zwei Jahre dauern. „Da herrscht Notstand.“ In Notfällen könnten sich Patienten und Angehörige aber rund um die Uhr in den psychiatrischen Versorgungskrankenhäusern einfinden: in der LWL-Klinik an der Alexandrinenstraße, in Wattenscheid im Martin-Luther-Krankenhaus. „Sie sind verpflichtet, Hilfe zu leisten.“

*(Name der Redaktion bekannt)