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Kästner trifft Zither

05.01.2012 | 14:30 Uhr
Kästner trifft Zither

Wiemelhausen.  Heiter-besinnlicher Abend bei der literarisch-musikalischen Winterreise im St. Johannes-Stift

Dieser Winterabend im Wintergarten des St.-Johannes-Stiftes hatte traditionell eine besondere Note. Über viele Jahre wurde er vom mittlerweile verstorbenen Pfarrer Bernhard Deus geprägt, der mit seiner Auswahl an Erzählungen stets die menschlichen Erinnerungen an Weihnachten betonte, ohne rührselig oder kitschig zu werden. An diese Tradition knüpfte nun Willi Caelers an.

Als Lehrer für Französisch und Erdkunde entdeckte er die Liebe zu dem Schriftsteller, der seiner Schule den Namen gab: Erich Kästner. Dass Kästner in der Nazi-Zeit das Land nicht verließ und mit politisch-kabarettistischen Texten seine Art des Widerstandes praktizierte, gab denn auch den Ausschlag für die Erinnerungen aus der Feder Kästners. Jene leicht heiteren Geschichten um Einladungen zu Weihnachtsfeiern, die sich in ein mittelschweres Chaos entwickeln gehörten ebenso dazu wie die wehmütige Erinnerung Kästners an sein erstes Weihnachtsfest ohne seine Familie. Und auch die zwiespältigen Gefühle des heranwachsenden Jungen kamen zur Sprache, der bei der Bescherung peinlich darauf achtet, beide Eltern gleich viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, obwohl er annimmt, dass die Frau zwar seine Mutter, der Mann aber vielleicht nicht sein Vater ist.

Die musikalische Gestaltung übernahm Manfred Althaus. Beruflich bewegt er den Kanzler der Ruhr-Uni, und zwar nicht nur im Dienstwagen. Denn seit vielen Jahren baut und spielt Manfred Althaus Zithern. Kaum eine Dienstreise tritt der Kanzler an, wenn im Kofferraum keine Zither liegt. Wo andere Virtuosen ihr Spiel mit ausladenden Gesten und umfangreicher Mimik zu steigern suchen, verschmilzt Manfred Althaus mit seinem Instrument. In großer Ruhe bringt er die Saiten zum erklingen und kaum eine Regung lenkt vom wohligen Klang ab. Für den Winterabend hatte er ein nagelneues Instrument mitgebracht und so freute sich sein Publikum an einer makellosen Präsentation aus Fichte, Palisander und viel Gefühl. Das Repertoire seiner Auftritte hat Althaus komplett im Kopf, spielt ohne Noten und innerhalb der Strophen mit so feinen Nuancen und Details, dass viele im Publikum angesteckt werden und mitsingen oder –summen.

Im zweiten Teil, der nach einem gespendeten Imbiss aus dem Hause Oekey begann, wurde es dann etwas bunter, was die Literatur anbelangte. Zwar bestimmte Kästner auch hier das Feld, Willi Caelers hatte aber auch ausgesuchte Werke von Joseph von Eichendorff, Loriot und Günter Nehm parat. Letzterer stammte aus Wattenscheid und arbeitete lange in der Steinkohleverarbeitung, dichtete aber in seiner Freizeit viel und bis heute humorvoll. So stellte er sich in einer Geschichte vor, der Osterhase träfe auf den Weihnachtsmann und man einige sich auf einen Rollentausch.

Caelers griff in die Tasten seines Akkordeons und begleitete sich selbst zu dem „Finger drin“-Lied, in dem Erich Kästner unter dem Titel „Der Pechvogel“ seine Angst vor Türen beschreibt, da er grundsätzlich eingeklemmt werde. Bärbel Westhoff dankte beiden Künstlern herzlich für ihr gagenfreies Engagement und dem Blumenhaus Herker für die Dekoration mit Weihnachtssternen.

Stadtteilredaktion

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