Sponsoring: Bochumer Kaufleute fühlen sich getäuscht

Voll gepackt mit Werbung: Das Fahrzeug der Lebenshilfe, das bereits seit 2010 im Einsatz ist.
Voll gepackt mit Werbung: Das Fahrzeug der Lebenshilfe, das bereits seit 2010 im Einsatz ist.
Foto: Lebenshilfe
  • Unternehmen haben für Werbung bezahlt, um der Bochumer Lebenshilfe einen neuen Wagen zu finanzieren
  • Allerdings ist das Fahrzeug, das die Lebenshilfe erhalten hat, gebraucht und wurde neu beklebt
  • Die Geschäftsleute fühlen sich betrogen und wittern eine fiese Masche

Bochum.. Wer kennt sie nicht? Kleinbusse und Transporter, die übersät sind mit Werbeaufdrucken und von Wohlfahrtsverbänden, Vereinen oder Elterninitiativen genutzt werden. Die Botschaft ist eindeutig: Hier engagieren sich Geschäftsleute für den guten Zweck.

Gute Laune herrschte deswegen auch Ende August bei Sponsoren, als der Lebenshilfe Bochum ein schicker aus ihrem Werbebudget gesponserter Kastenwagen feierlich übergeben wurde. Das böse Erwachen kam für einige Kaufleute indes Monate später.

Sozialer Aspekt steht im Vordergrund

„Fassungslos“ war Elektroinstallateurmeister Karl-Heinz Weigelt, als er erfuhr, dass das Fahrzeug für die Lebenshilfe (LH) „kein Neuwagen gewesen ist, sondern der alte, nur neu beklebt“. Bei der Akquise der Werbung – Weigelt buchte für 750 Euro einen Platz auf dem linken Kotflügel für einen Zeitraum von 5 Jahren – sei ohne Zweifel der Eindruck erweckt worden, die Lebenshilfe bekomme „ein neues Fahrzeug kostenlos“.

Ähnlich berichten andere Sponsoren: „Auch uns wurde suggeriert – leider nicht nachweisbar, es handele sich um ein neues Fahrzeug. Ganz klar stand für uns der soziale Aspekt im Vordergrund. Werbung auf einem Fahrzeug ist für unser Unternehmen völlig uninteressant“, so Olaf Rinner vom Institut für Energetik & Angewandte Technik. „Ich hätte niemals Werbung für 2000 Euro gebucht, wenn ich gewusst hätte, dass es kein Neufahrzeug ist, das die Lebenshilfe bekommt“, sagt eine Geschäftsfrau, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Versicherungsmakler Norbert Walde indes räumt ein, dass für ihn „bei aller Liebe“ der relativ günstige Werbeeffekt entscheidend gewesen sei. Fünf Jahre lang hätten Autofahrer, die an einer roten Ampel hinter dem Lebenshilfe-Transporter anhalten müssten, seine Firma vor Augen.

Günstig? Karl-Heinz Weigelt sieht das anders und rechnet anhand der Preise und Anzahl der Werbeflächen hoch: „25 000 bis 30 000 Euro hat die Firma für den Wagen eingenommen – und das für ein gebrauchtes Fahrzeug.“

Das aber ist nur die halbe Wahrheit – und die halbe Einnahme. Das rund 17 000 Euro teure Fahrzeug wurde nämlich 2010 schon einmal an die Lebenshilfe übergeben. „Wir haben mit der Firma Pro Humanis Humansponsoring GmbH aus Bingen einen Leihvertrag über zwei Mal fünf Jahre abgeschlossen“, sagt LH-Geschäftsführer Ulf Kauer. „Mit der Vermarktung des Fahrzeuges haben wir gar nichts zu tun.“

Lebenshilfe reagiert entsetzt

Ulf Kauer und Verwaltungsleiterin Regina Strehl-Reiser sind gleichwohl aufgeschreckt, „weil unsere Partner offensichtlich unter falschen Voraussetzungen angesprochen worden sind.“ In Zukunft werde man mit der Firma Pro Humanis daher nicht mehr zusammenarbeiten. „An der Stelle werden wir selbst zu Opfern, da dieses Geschäftsgebaren auf uns zurückfällt.“

Die Vorwürfe seien haltlos, sagte gegenüber der WAZ indes eine Pro-Humanis-Sprecherin. Von einem Geschäftsmodell, das falsche Tatsachen vorspiegele, könne nicht die Rede sein. Die Verträge seien immer eindeutig. „Ich konnte aber den Handelsvertreter, der die Verträge in Bochum geschlossen hat, noch nicht befragen.“ Dass Fahrzeuge ins Eigentum der Empfänger übergehen, sei aber eher die Ausnahme denn die Regel. Auch den Vorwurf, Pro Humanis nutze das soziale Gewissen von Kaufleuten aus, wies die Sprecherin zurück: „Wir verdienen uns dabei keine goldene Nase.“

Lebenshilfe darf nicht leiden – ein Kommentar von Thomas Schmitt

Können mehrere Geschäftsleute unabhängig voneinander ein Werbeangebot dermaßen falsch verstehen, dass sie sich im Nachhinein über den Leisten gezogen fühlen? Das glaube wer will, ich nicht.

Die Akquise für das Fahrzeug der Lebenshilfe gehört für mich eindeutig in die Kategorie Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Unter dem Deckmantel der Menschlichkeit werden hier eiskalt Geschäfte gemacht. Gute Geschäfte, denn die Einnahmen aus der Werbung betragen ein Vielfaches des Fahrzeugwertes.

Die Verträge indes scheinen juristisch einwandfrei. An keiner Stelle ist von einem Geschenk oder von einem Neufahrzeug die Rede. Die Lebenshilfe „erhält“ ein Fahrzeug, heißt es. Das lässt Spielräume.

Die Kaufleute müssen aus dem „Fall“ ihre Lehren ziehen. Konkreter nachfragen, was mit „Spenden“ wirklich finanziert wird. Die Lebenshilfe jedenfalls darf nicht leiden. Sie hat sich lediglich auf ein lohnendes Leihgeschäft eingelassen, ohne zu wissen, mit welchen Argumenten die Werbung verkauft wird.

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