Chirurgie im Alter
Längst kein Todesurteil mehr
01.09.2009 | 14:12 Uhr 2009-09-01T14:12:00+0200
Bochum. Fünf Experten sprachen beim 14. WAZ-Nachtforum im Knappschaftskrankenhaus Langendreer über die Schrecken von Oberschenkelhalsbrüchen, Angst vor Narkose und über Osteoporose.
Es ist noch nicht so lange her, da kam die Diagnose Oberschenkelhalsbruch einem Todesurteil gleich. Älteren Betroffenen drohte lange Bettlägerigkeit, daraus resultierten gefährliche Folgekrankheiten. Dass diese Gefahr heute weitgehend gebannt ist, wurde am Donnerstagabend beim 14. WAZ-Nachtforum im Knappschaftskrankenhaus Langendreer deutlich. Unter Moderation von WAZ-Lokalchef Werner Conrad befassten sich fünf Experten mit dem Thema „Chirurgie im Alter" und gingen auch auf die Fragen des Publikums ein.
Etwa drei Monate dauert es bis ein gebrochener Oberschenkelknochen ohne Operation wieder zusammen wächst. „Ein Vierteljahr, das zu einer tödlichen Qual werden kann", beschrieb Dr. Rüdiger Smektala, Direktor der Abteilung für Unfallchirurgie und Orthopädie am Knappschaftskrankenhaus. Thrombosen und Lungenentzündungen könnten durch das lange Liegen auftreten, ebenso Probleme in Darm und Harnwegen und schmerzende Druckgeschwüre. Darum sei die schnelle Re-Mobilisierung des Patienten nach Sturz und Knochenbruch wichtig.
Die ist aber erst möglich, seitdem leistungsfähige Prothesen auf dem Markt sind. Über 80 Prozent aller Oberschenkelhalsbrüche werden heute mit „Duokopf-Prothesen" versorgt. Diese ersetzen den gebrochenen Gelenkkopf und sind quasi sofort belastbar. Auch die Operation ist nicht mehr so ein gewaltiger Eingriff. Das Implantat wird in einem minimal-invasiven Verfahren eingesetzt. „Fast schon Knopfloch-Chirurgie", sagt Rüdiger Smektala.
Das ist entscheidend für viele Patienten. Ein kleinerer Eingriff erspart meist die Vollnarkose, ermöglicht die lokale Betäubung per Rückenmarkspritze. „Viele flößt die Vollnarkose mehr Furcht ein als die Operation selbst", stellte André Gottschalk, Leitender Oberarzt für Anästhesiologie am Knappschaftskrankenhaus, fest. Deshalb lautete seine zentrale Botschaft des Abends: „Ein höheres Alter bringt per se kein höheres Narkoserisiko mit sich." Dennoch sei das Alter für den Anästhesisten ein wichtiger Faktor. Herz, Kreislauf, Niere, Stoffwechsel – viele Körperfunktionen verändern sich im Alter, mehr Begleiterkrankungen zeichnen den Körper. Probleme bereiten die nicht, auch keine Bypässe oder Herzschrittmacher. „Die behandelnden Fachärzte und wir Anästhesisten müssen die Patienten nur richtig einstellen", versicherte Gottschalk.
Dennoch, der Bruch des Oberschenkels bleibt eine schwere Verletzung, seine Heilung ein beschwerlicher Weg. Zudem wird die Fallzahl in Zukunft steigen. Die Bevölkerung wird zunehmend älter, damit nimmt auch die Zahl an Osteoporose-Erkrankungen stark zu. Eben der „Knochenschwund" ist eine Hauptursache für die tückischen Brüche. Das Skelett wird schwächer, verliert an Festigkeit – auf einmal führen einst harmlose Sturzereignisse zu schweren Knochenfrakturen, referierte dazu Dr. Tanja Kostuj, Oberärztin der Abteilung für Unfallchirurgie und Orthopädie.
Auslöser für den Knochenschwund gebe es viele. Zwar handelt es sich in 95 % der Fälle um „primäre Osteoporosen", also Erkrankungen, die nicht von anderen Leiden verursacht werden. Doch auch durch falsche Ernährung, Bewegungsmangel, das Fehlen von Vitaminen oder Calcium, durch lange Bettlägerigkeit und Kortisontherapie oder schlicht durch Untergewicht kann es zur Krankheit kommen. Aufschluss gibt in allen Fällen eine Knochendichtemessung. „Leider wird die Untersuchung nicht immer von den Krankenkassen bezahlt", klagte Tanja Kostuj.
Gebrochenes Selbstbewusstsein
Am besten fällt man erst gar nicht hin. Was banal klingt, ist tatsächlich fast die beste Therapie gegen die Folgen von Knochenbrüchen. Denn häufig, so beschrieb Dr. Ludger Pientka, Direktor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation am Herner Marienhospital, lösen Sturzereignisse einen wahren Teufelskreis aus.
Wer einmal gefallen ist, leidet fortan unter Angst vor neuen Stürzen. Inaktivität ist die erste Folge, Kraftverlust und Immobilisierung sind weitere. Erst durch Schwäche und Unbeweglichkeit aber wird das nächste Stolpern zum folgenschweren Sturz. „Beim Sturz bricht nicht nur der Knochen, sondern oft auch das Selbstvertrauen", meinte Ludger Pientka. Darum sei eine ausreichende Prävention ebenso wichtig wie umfassende Nachsorge und Rehabilitation.
Wie das im konkreten Fall aussehen kann, demonstrierte Sarina Funke, Physiotherapeutin am Marienhospital Herne. In verschiedenen Tests werden Gangbild, Gleichgewichtssinn oder Bewegungsablauf analysiert, dabei mögliche Gefahren festgestellt. Nach den Ergebnissen können ganz persönliche Trainingspläne erstellt werden. Wer etwa schon beim Aufstehen von einem Stuhl ins Schwanken gerät, kann daran in einem speziellen Transfer-Training arbeiten.
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