Senioren fühlen sich von Abfallunternehmen allein gelassen

Nur noch fürs Foto schaffen Jutta und Johannes Schreiber ihre Mülltonne hoch zum Hahnenfußweg. Die Senioren brauchen Hilfe. Der USB winkt ab.
Nur noch fürs Foto schaffen Jutta und Johannes Schreiber ihre Mülltonne hoch zum Hahnenfußweg. Die Senioren brauchen Hilfe. Der USB winkt ab.
Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Serv
Was wir bereits wissen
In Bochum-Stiepel schafft es ein betagtes Ehepaar (88 und 78) nicht mehr, die Mülltonnen zur Straße zu rollen. Der USB verweist auf die Abfallsatzung.

Bochum.. „Wir fühlen uns hilflos.“ Prof. Dr. Johannes Schreiber und seine Frau Jutta blicken missmutig auf den gepflasterten Weg, der von ihrem Haus hoch zur Straße führt. 23 Prozent beträgt die Steigung am Hahnenfußweg 40, hat der USB ausgerechnet. Grund für das Entsorgungsunternehmen, den Transport der Mülltonnen den Anwohnern zu überlassen. „Bis zum Herbst haben wir das gerade noch geschafft“, sagt Prof. Schreiber (88). „Jetzt geht’s aber einfach nicht mehr“, klagt Jutta Schreiber (78).

Höchstens zehn Prozent darf laut städtischer Abfallsatzung die Steigung eines „Rollweges“ betragen. Wird die Marke überschritten, ist es den Müllwerkern untersagt, die Tonnen zum Müllwagen zu wuchten. Rüdiger Elias hat das Verbot erst kürzlich zu spüren bekommen. Weil die Steigung Am Schamberge zu seinem Wohnhaus laut USB über 20 Prozent beträgt, muss der Chef einer Gebäudereinigungsfirma seine graue 120-Liter-Tonne ab Februar selbst nach unten zur Straße rollen.

Entsorger verweist auf Satzung

Das tun die Schreibers bereits, seitdem sie vor knapp 40 Jahren das schmucke Eigenheim am Hahnenfußweg gekauft haben. „Solange wir halbwegs bei Kräften waren, war das auch kein Problem“, schildert der Theologie-Professor. „Doch seit zwei Monaten können wir das nicht mehr.“ Er leidet unter schwerer Arthrose und kann sich nur mühsam auf den Beinen halten; sie hat sich kürzlich bei einem Sturz das Becken angebrochen.

„Unsere Tochter lebt in München. In der Nachbarschaft wollen wir niemandem zur Last fallen“, sagt Jutta Schreiber. „Deshalb haben wir seit Dezember mehrfach den USB um Hilfe gebeten.“ Gerne wären die Senioren bereit, zusätzliche Gebühren zu zahlen, wenn fortan die Müllwerker die Tonnen die rund 25 Meter zur Fahrbahn und zurück hieven würden. „Aber es heißt immer nur: ,Die Steigung ist zu hoch. Das dürfen wir nicht.’“

Hoffen auf hilfsbereite Nachbarn

„Stimmt“, bestätigt USB-Sprecher Jörn Denhard. Bei einem Ortstermin Mitte Dezember (von dem das Ehepaar Schreiber nichts weiß) sei ein Gefälle von 23 Prozent festgestellt worden. „Bei allem Verständnis für das Ehepaar: Wir müssen und werden uns deshalb weiter an die Satzung halten. Die Unfallgefahr für unsere Mitarbeiter wäre sonst eindeutig zu groß. Eine ,Extragebühr’ ist nicht vorgesehen. Sie wäre auch verantwortungslos.“

Den Schreibers bleibe nur die Wahl, den Stellplatz zur Straße zu verlegen oder die Tonnen alle zwei bzw. vier Wochen weiterhin selbst zur Fahrbahn zu bugsieren. Prof. Schreiber hofft nun, dass sich hilfreiche Nachbarn finden, die sich als Müllmann betätigen. Ein kleiner Obolus wäre ihnen gewiss.