Schweizer Dramatiker arbeitet im Nebenberuf als Richter

„Haus am See“ war das erste Stück, das von Reto Finger in den Kammerspielen zu sehen war.
„Haus am See“ war das erste Stück, das von Reto Finger in den Kammerspielen zu sehen war.
Foto: Thomas Aurin
Was wir bereits wissen
Reto Finger ist ein gefeierter Theaterautor und Jurist an einem Gericht in Zürich. Sein neues Stück „Hans im Glück“ basiert auf dem Märchen.

Bochum.. Mindestens zwei Herzen schlagen, ach, in seiner Brust: Reto Finger gehört seit einigen Jahren zur ersten Garde junger Dramatiker aus der Schweiz – und gleichzeitig arbeitet er als Jurist. So kurios das klingt: Während Reto in seiner Schreibstube an neuen Stücken feilt, schlüpft er tags drauf in die schwarze Richterrobe und spricht Urteile am Bezirksgericht Zürich.

Dahinter stecke jedoch keine übertriebene Karriereplanung, erzählt der 43-Jährige gut gelaunt beim WAZ-Gespräch. Als Schüler habe er lange überhaupt nicht gewusst, was er mit seinem späteren Leben anstellen solle. „Nach der Matura bin ich zum Berufsberater und habe den gefragt, wie es mit mir jetzt weiter gehen soll“, sagt er schmunzelnd. Dort sei die Wahl auf die Juristerei gefallen, woran er ziemlich schnell Gefallen gefunden habe. „In dem Studium werden ganze Welten erklärt“, sagt er.

Heute arbeitet Reto Finger als nebenamtlicher Richter und verhandelt zumeist im Team über Fälle aus dem Zivil- oder Strafrecht. „Mich berühren Schicksale, die mit meinem eigenen Leben zu tun haben könnten“, meint er. Mord und Totschlag seien für ihn relativ weit weg, „aber eine Scheidungsgeschichte geht mir manchmal schon nah“. Allerdings verbringe er nur wenige Tage pro Monat am Gericht – denn dafür ist Reto Finger als Autor einfach zu gut ausgelastet.

Zufällige Begegnung

Auch zu seinem zweiten Job sei er eher durch Zufall gekommen, erzählt er. Eine Begegnung mit dem Schriftsteller Urs Widmer habe den Schreiber in ihm geweckt: „Zunächst habe ich es mit Hörspielen probiert“, sagt er. „Das dialogische Schreiben ist eine zutiefst aufregende Arbeit.“ Für „Kaltes Land“, eines seiner frühen Stücke, erhielt er den Kleist-Förderpreis für junge Dramatik und wurde zu den Autorentagen ans Hamburger Thalia-Theater eingeladen. Das Stück mit dem großartigen Titel „Einer wie ich würde mich vom Springen auch nicht abhalten“ wurde 2007 am Schauspiel Essen uraufgeführt. Seither ist er mit Intendant Anselm Weber in gutem Kontakt.

„Haus am See“ war dann Reto Fingers erste Arbeit, die am Schauspielhaus zu sehen war. Mit „Hans im Glück“, einer modernen Neuinterpretation des Grimmschen Märchens, folgt ab 18. April die zweite.

Moderne Interpretation des berühmten Märchens Momentan ist Reto Finger als Zaungast bei den Proben dabei. „Für mich ist es das Schönste, wenn ich einen Text fertig habe und dann im Theater auf eine Gruppe treffe, die sich seit Wochen damit beschäftigt hat“, sagt er. „Die Schauspieler sehen plötzlich Dinge, die ich beim Schreiben gar nicht bedacht habe.“ Qualvoll sei für ihn hingegen, seine eigenen Texte auf der Bühne gesprochen zu hören. „Das bereitet mir regelrechte Schmerzen“, sagt er.