Schuldnerquote in Bochum steigt weiter

Öfter als früher nutzen Rentner die DRK-Kleiderkammer, in der Heidi Pommersowie Gisela und Heribert Büsse tätig sind.
Öfter als früher nutzen Rentner die DRK-Kleiderkammer, in der Heidi Pommersowie Gisela und Heribert Büsse tätig sind.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Immer mehr Bochumer sind verschuldet; vor allem der Anteil Älterer nimmt zu. Große Unterschiede gibt es zwischen einzelnen Stadtteilen.

Bochum.. Das Ruhrgebiet bleibt „mehr denn je die armutspolitische Problemregion Nummer 1 in Deutschland“. Zwar gilt das laut dem gestern veröffentlichten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vor allem für Städte wie Duisburg, Dortmund und Essen. Aber auch die Region Bochum/Hagen liegt mit einer Armutsquote von 18,7 Prozent über dem NRW-Durchschnitt (17,5 Prozent).

Bundesweit besonders betroffen sind Rentner. In der Gruppe der über 65-Jährigen liegt die Armutsquote (15,6 Prozent) heute um 46 Prozent höher als noch 2005 (10,7 Prozent). „Sie ist damit fast zehnmal so stark gewachsen wie die Gesamtquote“, heißt es im Armutsbericht.

Das ist ein Ergebnis, das sich auch im Schuldneratlas Ruhrgebiet wiederfindet, den die Creditreform Bochum Böhm KG erstellt hat. Altersüberschuldung habe danach eine „zunehmende Brisanz“. Aber auch insgesamt ist die Zahl der verschuldeten erwachsenen Bochumer gestiegen. Bei 38.237 Frauen und Männern sind die monatlichen Ausgaben höher als die Einnahmen. Immerhin wuchs die Zahl der überschuldeten Personen 2014 nur um 211. Ein Jahr zuvor hatten 750 Frauen und Männer für einen beträchtlichen Anstieg der Verschuldungsquote in der Stadt gesorgt. Sie liegt nun bei 12,33 Prozent (+0,1 Prozent). Damit liegt Bochum unter dem Durchschnitt im Ruhrgebiet (13,64 Prozent), verzeichnet aber dennoch eine steigende private Verschuldung.

Hohe Verschuldungsquote in Bochum-Mitte

Am höchsten ist sie im Bereich Mitte (22,10 Prozent), am niedrigsten in Stiepel (5,16 Prozent). Diese Spreizung von 16,94 Prozentpunkten, die den Unterschied von Stadtteilen mit der höchsten und der niedrigsten Verschuldungsquote ausdrückt und damit ein Indikator für das Ausmaß sozialer Unterschiede ist, ist deutlich geringer als in anderen Großstädten der Region. Besonders ausgeprägt ist die Spreizung in Essen (23,73 Prozent), Dortmund (21,21) und Duisburg (20,84).

Wie groß die Unterschiede innerhalb Bochums sind, verdeutlicht ein Blick in zwei andere Tabellen. Mit der Verschuldungsquote von 5,16 gehört Stiepel zu den „Top 3“ im Revier, geringer ist die Verschuldung nur in den Essener Stadtteilen Heisingen (4,46) und Margarethenhöhe (5,05). Bochum-Mitte liegt in der Liste der Stadtteile mit den höchsten Verschuldungsquoten auf Platz zwölf.

Die Schere geht auseinander

Auffällig ist, dass bei der Verschuldung die Schere innerhalb der Stadt auseinandergeht. Es gibt Ortsteile, in denen die Verschuldungsquote in den letzten Jahren abgenommen hat, in anderen nimmt sie ständig zu (Grafik). Zu den „Gewinnern“ gehört Querenburg/Stiepel/Wiemelhausen (Postleitzahl 44801), wo die Quote seit 2008 von 11,71 auf 7,78 Prozent gesunken ist. Zu den „Verlierern“ zählen Wattenscheid/Günningfeld/Sevinghausen (44866). Dort stieg die Quote binnen sieben Jahren von 17,24 auf 20,29 Prozent.

Arbeitslosigkeit ist weiterhin der Hauptgrund für eine Überschuldung, gefolgt von Erkrankung/Unfall und Trennung, Scheidung oder Tod des Partners. Allerdings: „Zudem zeigt sich, dass auch das Thema Altersüberschuldung zunehmende Brisanz“ hat, heißt es im Creditreform-Bericht. Immer mehr ältere Menschen geraten in die Schuldenfalle. „Trotz Rentensteigerungen kann das Leistungsniveau der Rentenversicherung offensichtlich nicht verhindern, dass immer mehr ältere Menschen auf Grundsicherung angewiesen sind oder die Armutsrisikoschwelle unterschreiten.“

Dabei gibt es noch eine „Dunkelziffer“. „Obwohl im zunehmenden Maße Senioren betroffen sind, machen sie bisher nur eine kleine Gruppe in der Schuldnerberatung aus. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Scham, eine Schuldnerberatungsstelle aufsuchen zu müssen, besonders bei älteren Menschen sehr groß ist“, heißt es in einem Bericht der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen.

Vor allem Frauen sind betroffen

Die Zahl der Senioren, die mit ganz wenig Geld auskommen müssen, wächst auch in Bochum. Ende 2013 erhielten 2700 Rentner Grundsicherung vom Sozialamt, weil ihre Einkünfte unter dem Sozialhilfeniveau lagen. Im Februar 2016 sind es bereits 3300 . „Vor allem Frauen sind von der Altersarmut betroffen“, sagt Sozialamtsleiterin Ute Bogucki. Und das werde sich auf absehbare Zeit auch kaum ändern. Sie befürchtet eine Verstetigung der Entwicklung.

So ähnlich steht es auch im Armutsbericht. Das Risiko, im Alter arm zu sein, habe zugenommen und werde mit Blick auf den demografischen Wandel an Bedeutung gewinnen. „In der Praxis der Schuldnerberatung wird immer deutlicher, dass mit niedrigen Renten einhergehende Einkommensarmut der Wegbereiter für finanzielle Krisen ist, die dann wiederum durch Verschuldungen zu bewältigen versucht werden. Da es sich hierbei jedoch selten um einen kurzfristigen Liquiditätsengpass handelt, wird aus der Verschuldung schnell eine Überschuldung.“