Schlagerparty trifft große Gefühle

Friederike Becht (Luise) und Nils Kreutinger (Ferdinand) in „Kabale und Liebe“.
Friederike Becht (Luise) und Nils Kreutinger (Ferdinand) in „Kabale und Liebe“.
Foto: Foto: Thomas Aurin
Was wir bereits wissen
Die WAZ blickt in einer fünfteiligen Serie auf die Spielzeit 2014/15 im Schauspielhaus zurück. 1. Folge: Die Inszenierungen.

Bochum.. Die eben beendete fünfte Spielzeit von Anselm Weber wird dem Theaterbesucher als etwas zwiespältig in Erinnerung bleiben -- nicht nur wegen der vorzeitigen Kündigung des Intendanten trotz kolossaler Besucherzahlen, sondern auch künstlerisch. Die Kritiken reichten von bedingungsloser Zustimmung bis zu schroffer Ablehnung.

Wackeliger „Onkel Wanja“

Schon der Auftakt mit „Onkel Wanja“ war wackelig. Gast-Regisseur Stephan Kimmig, eigentlich ein Top-Mann des zeitgenössischen Bühnenbetriebs, misstraute offenbar der Wortmagie Anton Tchechows; anstatt der Sprache nachzulauschen und darüber Wirkung zu erzielen, setzte Kimmig auf kantenscharfes Bewegungstheater. Allein die Schauspieler retteten die Substanz des Stücks.

Großartig reduziert: „Kabale und Liebe“

Sehr gut aufgenommen wurden dagegen „Kabale und Liebe“ (Regie Anselm Weber) und Hauptmanns „Einsame Menschen“, eingerichtet von Roger Vontobel. Der Schiller-Klassiker spulte sich in der Kammer auf fast leeren Bühne ab, war hervorragend gesprochen wie selten eine Aufführung, und er war sehr gut besetzt, mit einem präzise-aasigen Florian Lange als Wurm einer herausragend-verzweifelten Friederike Becht als Luise.

„Einsame Menschen“ wie ein Laborversuch

„Einsame Menschen“ verschaffte einmal mehr Vontobels Lieblingsschauspielerin Jana Schulz Raum zur Entfaltung. Die Power-Mimin war diesmal gegen ihr Bühnen-Naturell als graues Mäuschen besetzt; auch aus diesem Kunstgriff bezog der Abend Spannung. In einer Art Laborsituation (drehbare Bühne, fünf Stühle, kühle Lichtregie) wurden überzeitliche menschliche Gefühle wie Verlustangst oder der Wunsch nach familiärem Glück eindringlich-einfühlsam ausgespäht.

Unterhaltsame Kassenknüller

Veritable Kassenknüller waren die unterhaltsamen Produktionen: das schrille Musical „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (Regie Barbara Hauck), die delikat-morbide Metzgerposse „Delikatessen“ (Regie Hans Dreher, Oliver Paolo Thomas), Christian Breys „Drei Männer im Schnee“ als flotte Schlagerparty im kunterbunten Grand-Hotel, und natürlich das Kinderstück „Michel aus Lönneberga“, das schon 90 % aller Grundschüler gesehen haben.

„Alte Dame“ mit Schwächen

Sehr gute Zuschauerzahlen verzeichnete auch Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“, hier wurde die bekannte TV-Schauspielerin Mechthild Großmann als Zugpferd aufgeboten. Die Einrichtung selbst (Regie Anselm Weber) spielte in einer schwarzen Stierkampfarena, war letztlich aber nicht zugespitzt genug, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

„Gift“ vermittelt große Gefühle

Ganz anders Lot Vekemans „Gift“, die von Bettina Engelhardt und Dietmar Bär super gespielte und von Heike M. Götze beklemmend dicht inszenierte Geschichte zweier vom Leben durchgeschüttelter Ex-Eheleute. Ein packender Abend der großen Gefühle: Selten hat man so berührte – und auch erschöpfte – Zuschauer und Schauspieler in Bochum gesehen.