Reise durch die Kirchengeschichte
09.02.2012 | 18:11 Uhr 2012-02-09T18:11:00+0100
Bochum. Über die Rolle des evangelischen Kirchenkreises im 1. Weltkrieg hat der Bochumer Theologe Professor Günter Brakelmann ein Buch geschrieben. Den Pfarrern von heute legt er so manchen Rat ans Herz.
Die evangelische Kirche in den Zeiten der Extreme, das ist sein Spezialgebiet. Jetzt legt der Theologie-Emeritus Prof. Dr. Günter Brakelmann sein neues Werk vor, das sich auf Lokalebene mit der Kirchengeschichte während des Ersten Weltkriegs beschäftigt.
Bochum in den Jahren 1913 bis 1919: Das Deutsche Reich befindet sich auf dem Weg in den ersten „totalen“ Krieg. An der „Heimatfront“ unterstützen Staat und Medien die Anfängliche Militarismus-Euphorie und von den Kanzeln der evangelischen Kirchen wird der preußisch-kaiserliche Nationalismus gepredigt.
Militarismus-bejahende Theologie
Mit seiner Monografie „Eine Reise durch die Bochumer Kirchengeschichte: der Evangelische Kirchenkreis Bochum 1913-1919“ legt Prof. Günter Brakelmann erstmals eine lokalhistorische Analyse dieser Zeit vor. Nach akribischer Sichtung der zeitgenössischen Quellen, insbesondere der Protokolle der Bochumer Kreissynoden, gelingt es dem 80-jährigen Theologen und Historiker, die eindeutig nationalistische Geisteshaltung der protestantischen Geistlichen aufzuzeigen und gleichzeitig das ambivalente Fundament dieser Militarismus-bejahenden Theologie zu entlarven.
Denn mit den christlichen Glaubensinhalten einen Krieg zu rechtfertigen, gelang den Pfarrern in dieser Zeit nur, indem sie die Lehren des Neuen Testaments weitestgehend unbeachtet ließen. „Hätten sie den Jesus aus der Bergpredigt zitiert, wäre schließlich das ganze System diffamiert gewesen“, verdeutlicht Prof. Brakelmann. Stattdessen definierten die Bochumer Protestanten die politischen Vorgänge als gottgewollt. „Der durchschnittliche Pfarrer glaubte damals, den Willen Gottes zu kennen“, erläutert Brakelmann. Sein vermeintlicher Wille? „Der Sieg des Deutschen Kaiserreiches.“
Als Wissenschaftler bleibt Prof. Günter Brakelmann mit seiner Analyse der Kirchengeschichte neutral sachlich: „Ich schreibe weder eine Radikalkritik noch eine Apologie.“ Stattdessen habe er sich streng an die historisch-kritische Vorgehensweise gehalten. Sein Werk möchte der 80-jährige Theologe auch seinen amtierenden Kollegen ans Herz legen.
„Nur wer die Geschichte seiner Kirche kennt, hat ein Ohr und ein Gespür dafür, was die Kirche heute falsch macht“, so Brakelmann.
Kein Gespür für die relevanten Themen
Das historische Wissen sehe er als einen wesentlichen Grundstein an, um die Gegenwart und Zukunft mitzugestalten. „Dafür muss man die Gesellschaft immer in ihren aktuellen politischen Rahmenbedingungen sehen“, meint Brakelmann. „Ich verlange deshalb, dass Theologen eine enorme gesellschaftliche, soziologische und historische Bildung haben.“
Doch gerade das Gespür für die gesellschaftlich relevanten Themen vermisse er derzeit in der evangelischen Kirche. „Wir sind weithin entfernt von den Räumen, in denen unsere Gemeindemitglieder leben. Ich behaupte sogar, dass 90 Prozent der Bochumer Pfarrer heute noch nie einen Betrieb von innen gesehen haben, geschweige denn je mit einem Gewerkschaftsführer gesprochen hätten“, so Prof. Brakelmann, der selbst langjähriges SPD-Mitglied ist.
„Wir kämpfen heute für die Demokratie“, so Prof. Brakelmann. „Aber im Rückblick auf die Geschichte müssen wir uns immer auch vergegenwärtigen, dass wir dabei gegen die Tradition unserer Kirche handeln.“

0mitdiskutieren