Radiologen sollen Kindesmissbrauch erkennen

Bochum..  Geschlagen, getreten, geschüttelt, gepeinigt: 4000 Kinder in Deutschland werden jährlich Opfer von Gewalt. Tatort: häufig die eigene Familie. Tendenz: steigend. Dunkelziffer: enorm hoch. Beim Erkennen von Kindesmissbrauch sollen die Radiologen eine wichtigere Rolle spielen: ein Schwerpunkt des Radiologiekongresses Ruhr, der am Donnerstag im Bochumer Ruhr-Kongress eröffnet wurde.

Zwar sind sich die Kinderärzte ihrer Verantwortung meist bewusst. Um verdächtige Verletzungen, Brüche oder Prellungen abklären zu lassen, schicken sie ihre kleinen Patienten zum Radiologen. Etliche Übergriffe bleiben dennoch unentdeckt: Den Strahlenärzten mangelt es für die zweifelsfreie Diagnose am spezifischen kindermedizinischen Wissen. „Sind etwa mehrere Rückenwirbel beschädigt, kann es nicht sein, dass ein Baby angeblich vom Wickeltisch gefallen ist“, sagt Gundula Staatz, eine von bundesweit 80 Kinderradiologen.

Als Referentin des Radiologiekongresses leistet die Mainzer Professorin Aufklärungsarbeit, um Kindesmissbrauch spätestens in der „Röhre“ zu enttarnen. Die Fortbildung soll ausgebaut werden.

Ob zum Wohle von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen: Der „Teleradiologieverbund Ruhr“ soll die Zusammenarbeit zwischen den Strahlenmedizinern verbessern. Bislang war (und ist) es so: Patienten marschieren nach einer Röntgen- oder CT-Untersuchung mit einem großen Umschlag zu ihrem Hausarzt. Im Notfall muss ein Taxi bestellt werden, das die Aufnahmen ins Krankenhaus schafft. Eine absurde Situation: Während die Radiologen über millionenteure High-Tech-Geräte verfügen, verharrt ihre Kommunikation auf Steinzeitniveau.

Anlass, den „Tele-Verbund“ zu knüpfen. Der Radiologie-Kongress Ruhr 2010 markierte vor einem Jahr den Start des Netzwerkes. Über einen eigenen Server können Kliniken und Fachärzte die digitalen Bilddaten schnell und sicher austauschen. „Möglich sind auch Tumor-Konferenzen oder Praxisvertretungen aus der Ferne“, erklärt Prof. Dr. Lothar Heuser (Ruhr-Uni).

Am Pilotprojekt beteiligen sich anfangs 20 Kliniken in Bochum, Herne, Dortmund, Recklinghausen und Oberhausen sowie eine Praxis in Witten. Aktuell sind 40 Einrichtungen vernetzt. Bochum ist mit dem Bergmannsheil, dem St. Josef- und St. Elisabeth-Hospital, dem Knappschaftskrankenhaus Langendreer und der Augusta-Krankenanstalt besonders stark vertreten. „Der elektronische Datenverkehr hat sich hervorragend bewährt“, so Prof. Heuser. Nach dem erfolgreichen Testlauf soll das Netzwerk am 1. Januar 2012 den Regelbetrieb starten. 35 weitere Kliniken und Praxen wollen mitmachen. Ziel ist es, dass in einigen Jahren 200 radiologische Einrichtungen vernetzt sind.