Pro Familia: Viele Schulen vernachlässigen Sexualkunde

In einigen Schulen wird das Thema Sexualkunde nicht ausreichend behandelt, kritisiert Pro Familia.
In einigen Schulen wird das Thema Sexualkunde nicht ausreichend behandelt, kritisiert Pro Familia.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
  • Das Beratungsnetzwerk Pro Familia kritisiert den Sexualkundeunterricht an Bochumer Schulen
  • Die Schulen sehen sich dagegen gut aufgestellt
  • Bei der Bezirksregierung Arnsberg ist eine Vernachlässigung der Sexualkunde nicht bekannt

Bochum.. Das Beratungsnetzwerk Pro Familia kritisiert den Sexualkundeunterricht an Bochumer Schulen. „In vielen Einrichtungen wird die Sexualkunde vernachlässigt“, sagt Jörg Syllwasschy, Diplom-Psychologe und Berater bei Pro Familia in Bochum. Das Problem trete vor allem in den Bildungsanstalten auf, in denen das Fach vorrangig in der Verantwortung eines einzigen Lehrers liege.

„Wenn dieser Lehrer krankheitsbedingt länger ausfällt oder in den Ruhestand geht, liegt der Sexualkundeunterricht schon mal brach“, erklärt Syllwasschy. Mitunter würde Sexualität den Schülern nur in Biologie vermittelt, dabei böten auch andere Fächer Anknüpfungspunkte, beispielsweise Religion oder Deutsch. Solche Möglichkeiten würden zu selten genutzt.

Sexuelle Orientierung fehlt

Bemerkt hat Pro Familia die Informationsdefizite vieler Schüler bei zahlreichen Einzel- und Gruppengesprächen in der Bochumer Beratungsstelle. „Wir führen Gespräche zu Themen wie Pubertät, Erwachsenwerden und später auch Beziehung und Sexualität. Manche Jugendliche bringen da aus dem Schulunterricht kaum Erfahrung mit.“ Auch von Eltern gebe es gelegentlich derartige Rückmeldungen.

Homosexualität In Zeiten des Internets wüssten viele Jugendliche zwar über das Thema Sex Bescheid, seien aber mitunter desorientiert. „Einige wissen mehr über gewisse Stellungen als über den ersten Kuss“, so Jörg Syllwasschy. Die Schulen müssten diese Informationen einordnen.

Das Problem trete nicht flächendeckend oder in einer bestimmten Schulform auf, betont der Berater. Mit einigen Schulen arbeite Pro Familia gut zusammen. „Unser Angebot ergänzt den Sexualkundeunterricht. Da können Schüler teilweise besser über intime Dinge sprechen.“

Schulen sehen keinen Nachholbedarf

Die Kritik von Pro Familia lässt Johannes Sowade, stellvertretender Schulleiter der Liselotte-Rauner-Schule, nicht gelten. „Bei uns ist die Sexualkunde Teil des Biologieunterrichts und wird ausführlich in mehreren Jahrgangsstufen behandelt.“ An einer Hauptschule sei der Informationsbedarf der Schüler höher, weil gewisse Themen zuhause eher tabuisiert würden. Die achten Klassen seien daher jedes Jahr zur Beratung bei Pro Familia.

Für die Schiller-Schule betont Schulleiter Hans-Georg Rinke, dass die Sexualerziehung Thema in allen Jahrgangsstufen sei. „Im Biounterricht der Klasse 6 geht es um die körperliche Seite, in Klasse 9 um Sexualität, Beziehung, Verhütung und vieles mehr.“ Im schuleigenen Konzept zur Gesundheitsförderung sei die sexuelle Orientierung immer wieder Thema. „In der Oberstufe befassen sich schließlich Politik, Religion und Philosophie mit Fragen zu Geschlechterrollen und Identität.“

An der Annette-von-Droste-Hülshoff-Realschule ist die Sexualerziehung teilweise bereits ab der Klasse 5 Gegenstand des Biounterrichts. „In Klasse 9 geht es dann um Partnerschaft und Familie“, sagt Heike Krahl, Fachschaftsvorsitzende Biologie. Die Schüler könnten anonym Fragen stellen oder würden gelegentlich getrennt unterrichtet. Auch in Religion und Philosophie sei Sexualerziehung vorgesehen. „Vernachlässigt wird das bei uns nicht.“

Bezirksregierung hat keine Hinweise auf Probleme

Bei der Bezirksregierung Arnsberg, die die Aufsicht über die weiterführenden Schulen in Bochum hat, ist eine Vernachlässigung der Sexualkunde nicht bekannt, berichtet Sprecher Christian Chmel-Menges.

Zuletzt habe man 2014 bei den Gymnasien nachgefragt. „Das Ergebnis der Abfrage deutete nicht auf Defizite oder Versäumnisse hin.“ Seitdem habe es im zuständigen Dezernat keine Beschwerden von Eltern, Lehrkräften oder Schülern gegeben. Auch bei Real- und Gesamtschulen und Berufskollegs gebe es darauf keine Hinweise.

Schulgesetz lässt Handlungsspielräume zu

Was im Sexualkundeunterricht in NRW gelehrt werden soll, ist im Schulgesetz geregelt. In Biologie beispielsweise seien „thematische Schwerpunkte“ und „Grundsätze“, bzw. in den Jahrgangsstufen 5/6 und 7/9 ein „angemessenes Stundenkontingent“ vorgegeben, berichtet Christian Chmel-Menges. Ein eigenes Fach Sexualkunde mit einer vorgeschriebenen Stundenzahl gebe es dagegen nicht. Hier habe jede Schule durch ihren individuellen Lehrplan einen gewissen Handlungsspielraum.

Im Unterricht behandelt werden sollen unter anderem die menschliche Anatomie und die Entwicklung eines körperlichen Bewusstseins. Auch Beziehungen und Sexualität sowie die eigene sexuelle Orientierung stehen auf der Agenda. Ebenso sind Problemfelder wie Geschlechtskrankheiten, Verhütung, Schwangerschaft und Kinderlosigkeit oder sexueller Missbrauch und Gewalt vorgesehen.

Der Schwerpunkt liege auf der Sekundarstufe I, erläutert Chmel-Menges die gesetzlichen Vorgaben. „Die Sexualerziehung soll aber nicht nur in Biologie, sondern fächerübergreifend stattfinden und die Sexualerziehung der Eltern ergänzen.“ Das sei auch noch in der Oberstufe möglich.