Praktischer Dialog zwischen Ärzten und Tattoo-Szene

Tätowierer-Experte Andy Enge demonstriert im Rahmen der Veranstaltung, wie fachgerecht tätowiert wird.
Tätowierer-Experte Andy Enge demonstriert im Rahmen der Veranstaltung, wie fachgerecht tätowiert wird.
Foto: WAZ FotoPool / Ingo Otto
Was wir bereits wissen
Eine Tagung beleuchtet medizinische, psychologische und praktische Aspekte des Tätowierens. „Beide Seiten lernen voneinander“, heißt es.

Bochum.. „Früher habe ich, wenn ich etwas über den Charakter einer Person erfahren wollte, in dessen Bücherregal geschaut. Heute schaue ich mir seine Tattoos an“, sagt Dr. Erich Kasten, Professor für Neuropsychologie an der Medical School Hamburg. Der Wissenschaftler war einer von 15 Vortragenden der zweiten Bochumer Tattoo-Tagung, die am vergangenen Samstag im Hörsaalzentrum des St. Josef Hospitals ausgetragen wurde.

Seit zehn Jahren beschäftigt sich Kasten mit dem Thema „Body Modification“, also mit Veränderungen am Körper durch Tätowierungen, Piercings, Implantate und anderen Varianten. „Tattoos haben eigentlich immer eine Bedeutung, oft sind sie Ausdruck der Bewältigung von Lebenskrisen “, so Kasten.

Psychologische und medizinische Aspekte

Neben den psychologischen Aspekten von Tätowierungen, kamen auch medizinische Aspekte wie mögliche Komplikationen, etwa durch Allergien, oder neue Lasertechnologien für die Entfernung von Tattoos nicht zu kurz. Doch nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Größen der Tattoo-Szene traten bei der Tagung ans Rednerpult. „Das ist das Besondere dieser Veranstaltung, dass beide Seiten voneinander lernen. Bislang gab es kaum Kommunikation zwischen Ärzten und Tätowierern“, sagt Dr. Klaus Hoffmann, Leiter der Abteilung für ästhetisch operative Medizin der Universitätshautklinik und Initiator der Tagung.

Fotorealistische Tätowierung

„Wenn ich nicht weiß, mit welchen Nadeln und Farben gearbeitet wurde, dann kann ich als Arzt schlecht reagieren“, sagt Hoffmann. Als Leiter des Zentrums für Lasermedizin kommt er täglich mit Patienten in Berührung, die sich ihr Tattoo entfernen lassen wollen – und das sind häufig Tribals oder die klassischen Geweihe über dem Steißbein. „Diejenigen, die eine großflächige Tätowierung haben, bereuen es dagegen seltener“, weiß Hoffmann.

„Tätowierer-Messias“ Andy Engel hat sich durch fotorealistische Porträt-Tätowierungen einen Namen gemacht. Bis auf drei Jahre ist der gefragte Künstler ausgebucht. Doch zur Tagung nach Bochum kommt der 42-jährige Franke mit einer ganz anderen Mission. Seit 2008 beschäftigt sich Engel mit der Rekonstruktion von Brustwarzen.

„Eine Stammkundin von mir hatte Brustkrebs und kam auf mich zu“, sagt Engel. „Eine Brustwarze realistisch nachzubilden ist schwierig, vor allem wegen des vorhandenen Narbengewebes. Da braucht es Erfahrung.“ Auch durch Ärzte und Kliniken werde Patientinnen eine Rekonstruktion der Brustwarzen angeboten, aber oft sehr mangelhaft. „Ich möchte zeigen, wie man es richtig machen kann“, so Engel. Künftig will er deshalb auch mehr Zeit auf diesen Aspekt verwenden, vermehrt Schulungen und Seminare anbieten.