Bochum

Ordensschwestern verabschieden sich aus der Stadt

Schwester Reinfried, Schwester Silveria, Oberin Schwester Gottwalda und Schwester Eugenda (von links) beginnen den Tag stets gemeinsam in der Kapelle mit einer stillen Betrachtung und Gebet.
Schwester Reinfried, Schwester Silveria, Oberin Schwester Gottwalda und Schwester Eugenda (von links) beginnen den Tag stets gemeinsam in der Kapelle mit einer stillen Betrachtung und Gebet.
Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Serv
Nach über einhundert Jahren muss das St.-Johannes-Stift und die ganze Stadt ohne die spirituelle und praktische Stütze der Vinzentinerinnen auskommen.

Bochum. Ihre Gewänder umweht eine Aura der Selbstlosigkeit. Sie sind gekommen, um zu helfen, wo sie nur können. Alte, kranke und einsame Menschen sind besonders in ihre Gebete eingeschlossen. Doch am 1. Juni dieses Jahres endet diese lange Geschichte, die schon 1848 begann. Damals kamen die ersten Schwestern vom heiligen Vincenz von Paul zu Paderborn nach Bochum und übernahmen die Krankenpflege im neu gegründeten St.- Elisabeth-Hospital. Seither sind die Ordensvertreterinnen Teil des sozialen Lebens in der Stadt. „Bochum war übersät von Schwestern des heiligen Vincenz von Paul“, sagt Schwester Reinfried. Die Ordensfrau ist eine der vier letzten Schwestern in Bochum, die jetzt kurz vor ihrer Abreise in ein Schwesternhaus in Bad Lippspringe stehen. „Es ist an der Zeit“, sagt ihre Mitschwester Oberin Gottwalda.

Seit Gründung 1907 sind die Barmherzigen Schwestern auch dem St.-Johannes-Stift in Wiemelhausen eng verbunden, das im Stadtteil nur als „Schwesternhaus“ bekannt war. Sechs Ordensvertreterinnen übernahmen die „Führung der Kinderbewahrschule, Nähschule schulentlassener Mädchen, Ausübung ambulanter Krankenpflege, Fürsorgeheim für nicht mehr schulpflichtige Mädchen“, heißt es in der Chronik des Stifts.

Schwester Reinfried (76), Schwester Silveria (82), Schwester Eugenda (87) und sowie Oberin Schwester Gottwalda (90) bereicherten die Gemeinschaft mit ihren Persönlichkeiten. Schwester Eugenda leitete die Küche, Schwester Silveria arbeitete in der Altenpflege und später als Kapellenschwester. Beide verlassen nach rund 50 Jahren ihre alte Heimat. Als das Wort „Heimat“ fällt, zeigen leise Tränen von Schwester Eugenda, wie schwer der Abschied ist. „Wir sind sehr dankbar, dass wir so lange hier bleiben konnten “, sagt sie. Schwester Oberin Gottwalda lebt seit 21 Jahren im St.-Johannes-Stift und kümmert sich um die sterbenden Menschen. „Wie oft ist die Schwester schon gerufen worden, wenn Heimbewohner im Sterben lagen. Dann war sie einfach da, stundenlang, hat – je nach Verfassung der Sterbenden – mit ihnen gebetet, sie beruhigt, getröstet, ihnen zu trinken gegeben ...“, würdigt ein Text in der Chronik ihr Wirken. „Die Menschen bringen uns einen Vertrauensvorschuss entgegen“, so Schwester Reinfried, die seit vier Jahren im Haus ist und sich um Freizeitangebote kümmert. Die Ordensfrauen waren eine tragende Säule der Gemeinschaft im Stift. Heimleiter Wilhelm Schulte spricht von „einer Familie, bei der sich jeder nach seinen Fähigkeiten einbringen“ kann und Karin Kuhl vom Förderverein des Stifts ist in Tränen aufgelöst: „Sie gehörten einfach dazu, wir waren in ihre Gebete eingeschlossen“, so Kuhl. Warum die vier Schwestern die letzten sind, lässt sich einfach beantworten: Der Nachwuchs fehlt. „Wir haben seit 1992 keine Aufnahme mehr“, berichtet Schwester Oberin Gottwalda. Außer Schwester Reinfried, bekommen die Schwestern in Bad Lippspringe keine offiziellen Aufgaben. „Wer ein waches Auge hat, wird schon sehen, wo es etwas zu tun gibt“, sagt Gottwalda.

Historischer Hintergrund

Ordensfrauen bauten St.-Elisabeth und St.- Josef-Hospital mit auf

Der Bischof von Paderborn entsandte im April1848 zuerst zwei Schwestern an die neu gegründete St.-Elisabeth-Anstalt. Die Ordensfrauen entstammten dem noch jungen Orden der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vincenz von Paul zu Paderborn, der 1841 gegründet wurde.

Auch im St.-Josef-Hopital lag die Pflege von Anfang an vor allem in den Händen der Vinzentinnerinnen. Insgesamt traten bei der Gründung 1911 dort 77 Schwestern ihren Dienst an. Neben weltlichem Personal, das damals eine wöchentliche Arbeitszeit von 60 Stunden absolvierte, standen die Schwestern dort im Grunde ständig zur Verfügung. Die letzten zwei Schwestern Oberin Hortulana und Schwester Ludwiga verließen 2012 endgültig das Bochumer Krankenhaus. Schwester Hortulana setzte sich sehr für die Rettungssanitäter im St.-Josef-Hospital ein. Sie wurde für die enge Zusammenarbeit mit der Bochumer Feuerwehr zur Ehrenbrandmeisterin ernannt. Außer um kranke Menschen kümmerten sich die Ordensschwestern in Bochum viel um alte Leute und Kinder.

Der Orden der Vinzentinerinnen betreute schon Kinder im Elisabeth Hospital im Gerber-Viertel. 1887 wurde dann auf ihre Initiative das neu erbaute St. Vinzenz-Waisenhaus festlich eingeweiht und die ersten 52 Kinder konnten aufgenommen werden.