Nur Humor hilft in der Schwärze
07.04.2008 | 19:16 Uhr 2008-04-07T19:16:27+0200Burghart Klaußner liest im Schauspielhaus Texte aus der pessimistischen Welt von Thomas Bernhard Schauspieler wirkt mit in der Verfilmung von Schlinks "Vorleser" mit Kate Winslet
Wer mit der Musik der Beatles und der Rolling Stones aufgewachsen ist, für den ist Englisch zur zweiten Muttersprache geworden. "Das pflanzt sich im Ohr fest", erzählt Burkhart Klaußner, Jahrgang 1949. Als er jetzt unter anderem mit Kate Winslet an der Verfilmung von Schlinks "Der Vorleser" mitwirkte, "haben wir gemerkt, dass ich ein ganz passables Englisch spreche". Diese Kenntnisse, für die ein Rock-Musik-Fan kein Studium in London absolvieren musste (da genügte eifriges Plattenhören), kam Burghart Klaußner kürzlich auch bei einer ganz anders gearteten Aufgabe zugute. Für den Audio-Verlag las er den Text "Dear Doosie" von Werner Lansburgh ein, ein Gemisch aus deutschen und englischen Passagen. Die Anverwandlung gelang blendend, sodass der FAZ-Kritiker jubelte: "Burghart Klaußner spricht den Text mit wunderbar britischem Sound, wenn auch deutscher Sprachmelodie, vor allem aber gut verständlich."
Im Schauspielhaus wird Burghart Klaußner indessen nicht den Feinheiten des Zwei-Sprachlichen nachspüren, sondern (wieder einmal) dem pessimistischen Kosmos des großen Grantlers Thomas Bernhard. Am 20. April steht Klaußners (auch) musikalischer Thomas Bernhard-Abend "Ist es eine Komödie - Ist es eine Tragödie" auf dem Programm.
Bei Thomas Bernhard wird von Menschen gesprochen, die ihr Alleinsein erleiden und ihm doch nicht entkommen können. Weil ihr Anspruch viel zu ausschließlich ist, um sich schlichtweg mit ihrer Umgebung zu arrangieren. Als einzige Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, bleibt diesen Einsamkeitskrämern nur der Hass: tragisch und bitter-humorig in tief existenzieller Bedeutung. Gemäß dem Beckett-Urteil: "Nichts ist komischer als das Unglück."
Hinter Alltagsmosereien verbirgt sich bei Bernhard das Entsetzen über die gesamte Schöpfung, ein Schwarzsehen, wie es in dieser ausdauernden Konsequenz wohl noch keinem anderen Schriftsteller gelungen ist. Burghart Klaußner fasziniert an Bernhards Texten "der Sysiphus-Aspekt, die Tretmühle des Lebens, das Hamsterrad, in dem wir glauben, weiterzukommen und doch nur auf der Stelle treten."
Wie ist eine derartige Hoffnungslosigkeit zu ertragen? Klaußner glaubt, dass die "Weitermach-Energie" zu einem nicht geringen Teil durch den Humor entsteht, den Bernhard bei aller Düsternis denn doch immer wieder durchscheinen lässt. Klaußner: "Die Parallelen von Schwärze und Komik treffen sich um Unendlichen."
Burghart Klaußners Bernhard-Programm stand vor Jahresfrist schon einmal auf dem Programm des Schauspielhauses: Damals zeigte sich, dass Klaußners Deutung und Interpretation der Texte das maßlose Auskeilen gegen alles und jedes mit einer unterschweilligen Verzweiflung verknüpfte, die aus Bernhards Ich-Erzählern mehr als nur böse Querulenten machte.
Burghart Klaußner Lieblingswunsch ist es, einmal den "Weltverbesserer" von Thomas Bernhard spielen zu können. So weit ist es noch nicht. Stattdessen konnte er sich unlängst mit dem "Ignoranten und dem Wahnsinnigen" befassen: Burghart Klaußner hat das frühe Stück des österreichischen Grantlers inszeniert. Klaußners Deutung trumpft nicht auf in drastischem Übertreibungsspiel, sondern zeigt eher beiläufig die Lädierungen des schon damals typischen Bernhard-Personals. Marc Oliver Schulze, der als aalglatter Doktor Smartheit mit nekrophiler Leidenschaft vereint, schwelgt in seinem anatomischen Vokabular, kommt immer wieder zwanghaft darauf zurück: Diese Manie weist ihn als untrüglichen Vorboten späterer Bernhard-Egomamen wie den Weltverbesserer oder den Theatermacher aus. Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" erlebte unter der Regie von Burkhart Klaußner eine vitale Wiederbelebung. Foto: Declair

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