Kinder schlüpfen in Zirkustier-Rollen

Jonglage mit Reifen, Tüchern, Ball und Diabolo: Die Kinder zeigten beim Zirkusprojekt ihren Familien, was sie können.
Jonglage mit Reifen, Tüchern, Ball und Diabolo: Die Kinder zeigten beim Zirkusprojekt ihren Familien, was sie können.
Foto: Haenisch / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Kinder der Kita St. Anna in Goldhamme übernehmen beim Zirkusprojekt auch die Rollen der Tiere. Senioren des Hauses an der Bayernstraße sind begeistert.

Goldhamme..  „Meine Tochter ist ein Pferd und mein Sohn ein Clown“, sagt Isabella Tuysuz (45). Ihre Kinder Celine (5) und Kaan (6) haben wochenlang geprobt, um an diesem Nachmittag in der Zirkusmanege der katholischen Kita St. Anna aufzutreten. „Ich bin sehr gespannt!“, sagt Tuysuz. Die Lehrerin aus Polen besucht vormittags einen Deutschkurs und konnte deshalb bei den Proben nicht zuschauen. Wie Celine und Kaan wachsen die meisten Kinder in St. Anna zwei- bis dreisprachig auf.

„Unter unseren 70 Kindern sind große und kleine, langsame und schnelle, schüchterne und forsche“, erklärt Kita-Leiterin Monika Esken, die als Direktorin des „Zirkus International“ im Gemeindesaal St. Anna einen schwarzen Zylinder trägt. „Alle präsentieren sich gemäß ihren Möglichkeiten. Applaus bitte!“

Der schmale Gewichtheber

Löwen, Elefanten, Akrobaten, Tänzerinnen in Tüllröckchen und Jongleure füllen die Manege. Rolf Koch (83) klatscht nach jedem Auftritt begeistert in die Hände: „Was für tolle Ideen das sind. Sie müssen hart gearbeitet haben, um das einzuüben.“ Der ehemalige Kruppianer ist mit weiteren Bewohnern des Hauses an der Bayenstraße gekommen. Zwischen Löwenmasken und Elefantenohren versucht er, einzelne Kinder zu erkennen.

„Wir basteln regelmäßig zusammen“, sagt Koch. „Daher kenne ich einige Kinder hier.“ Die Kooperation des Seniorenheims mit St. Anna besteht seit mehreren Jahren. Bald steht ein gemeinsames Popcornfest an. Und beim Westendfest im September will Rolf Koch mit auf die Bühne – als Zirkusdirektor.

„Wir hatten zunächst einen Tag lang einen echten Zirkus bei uns zu Besuch“, erklärt Esken die Entwicklung des Programms. „Mit echten Schlangen und vielen Akrobaten.“ Danach durften die Kinder selbst entscheiden, als was sie auftreten wollten. „Manche Wünsche konnten wir allerdings nicht erfüllen“, sagt Esken.

So wollte ausgerechnet der Kleinste und Schmalste unbedingt ein Gewichtheber sein. „Aber das kam im Programm nicht vor.“ Unter den Elefanten, die mit plumpen Bewegungen die Manege betreten, laut tröten und damit viel Applaus ernten, sind auch viele Mädchen. „Einige Mütter hätten sie vielleicht lieber in Tüllröckchen gesehen.“ Aber darum ging es nicht.

Das Programm studierten die Erzieherinnen mit den Kindern selbst ein. „Wir wollten das selbst machen, weil wir die Grenzen unserer Kinder kennen und wissen, wie wir sie gepackt kriegen.“ Verschiedene Sprachen, kulturelle Unterschiede, soziale Notlagen und persönliche Stärken sind Alltag bei St. Anna.

„Ich bin begeistert, dass die Erzieherinnen das alles selbst organisiert haben“, sagt Morad Ouazrhari (34). Sein Sohn Amin (4) sitzt mit Löwenschminke im Gesicht erschöpft, aber froh vor einem Stück Kuchen.

Viele Kinder lernten bei der Arbeit als Zirkusstars neue Welten und Begriffe kennen. „Die meisten waren nie zuvor in einem Zirkus“, sagt Esken. Wie der Zirkus mit individuellen Stärken und Schwächen umgeht, aber auch das Selbstvertrauen stärkt, zeigte vor allem die Gruppe der kleinen Akrobaten: Wer konnte, schlug ein Rad. Die anderen machten Purzelbäume. Der Kleinste rollte einfach seitwärts über die Matte. Alles ist möglich. Aber als die Akrobaten am Ende gemeinsam eine Pyramide bauen, steht der Kleinste ganz oben an der Spitze – und strahlt.