Gottesdienst für anonym Bestattete in Bochumer Innenstadt

In der Propsteikirche zünden Gottesdienstbesucherinnen  Kerzen für die 13 Frauen und 23 Männer an, die im März und April unbedacht beerdigt wurden. Oft fehlt das Geld für eine reguläre Bestattung.
In der Propsteikirche zünden Gottesdienstbesucherinnen Kerzen für die 13 Frauen und 23 Männer an, die im März und April unbedacht beerdigt wurden. Oft fehlt das Geld für eine reguläre Bestattung.
Foto: FUNKE Foto Services / Olaf Ziegler
Was wir bereits wissen
In einer ökumenischer Andacht in der Propsteikirche gedenken 200 Besucher 36 „unbedacht“ beerdigten Menschen. Zahl der Menschen, die auf diese Weise bestattet werden, steigt.

Mitte..  Eine Urnenbestattung, irgendwo auf dem Friedhof – ohne Grabstein, ohne Trauerfeier, durchgeführt vom Ordnungsamt. Weil sich kein Angehöriger fand, der sich um die Bestattung kümmert, oder weil schlicht das Geld fehlt. Vergangene Woche hielten beide christlichen Kirchen einen Gottesdienst in der Propsteikirche ab, um 36 „Unbedachten“ zu gedenken, die im März und April im Verborgenen bestattet worden sind.

„Nicht wahrgenommen werden – das schmerzt uns“, so der evangelische Pastor Andreas Brenneke in seiner Predigt. Der Gottesdienst diene dazu, die „sogenannten Unbedachten“ zu Bedachten zu machen – „damit sie nicht unerhört bleiben“, so Brenneke.

Die sogenannten Unbedachten, 13 Frauen und 23 Männer, starben im Alter von 47 bis 101 Jahren. Bei den Ältesten ließ sich oft kein lebender Angehöriger mehr finden. Auch Familienstreitigkeiten seien mitunter ein Grund für die stille Bestattung, erklären Brenneke und Pastor Thomas Köster, der für die katholische Seite am Gottesdienst beteiligt war. Dass es manchmal am Geld liegt, manch einer schlichtweg zu arm fürs Sterben war, empört Brenneke. „Für eine reiche Gesellschaft ist das ein Skandal, dass Leute einfach verscharrt werden.“

Zahl der „Unbedachten“ steigt

„Aber es werden immer mehr“, sagt Karl-Georg Reploh. Der langjährige Krankenhauspfarrer hat 2008 den ersten Bochumer Gottesdienst für „Unbedachte“ geleitet. Seine Beobachtung: „Damals waren es 20 bis 25 Leute, die in zwei Monaten unbedacht bestattet worden sind, heute sind es meistens 30, manchmal über 40.“ Dahinter stecke aber weder Bosheit noch Moralverfall, meint der Geistliche, es gebe andere Gründe: „Einer ist sicher, dass es das Sterbegeld nicht mehr gibt.“

Seit die Krankenkassen nichts mehr für die Bestattung bezahlen, hätten es gerade junge Familien schwer – wenn beispielsweise der Vater unerwartet stirbt, die Kinder noch nicht arbeiten und auch sonst das Geld nicht reicht.

Das alles klingt nach Einsamkeit, nach dem Klischee vom Greis, der erst Wochen nach seinem Tod in der verwahrlosten Wohnung gefunden wird. Dass auch das Gegenteil der Fall sein kann, war beim Gottesdienst zu sehen. Unter den „Unbedachten“, deren Namen im Gottesdienst verlesen wurden, war auch eine alte Frau aus Grumme, die dort sehr beliebt war.

Unter den rund 200 Gottesdienstbesuchern waren viele Bekannte aus dem Viertel, um ihr zu gedenken, sagt Reploh. Wirklich unbedacht, im engeren Sinne des Wortes, ist dieser Mensch nicht gestorben.

Der nächste Gottesdienst für Unbedachte findet am 28. Juli statt.