Marokkaner nach Köln: „Menschen wechseln die Straßenseite“

Seit vier Jahren lebt der Marokkaner Mohammed Addou in Bochum. Die Geschehnisse in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof haben auch ihn aufgeschreckt.
Seit vier Jahren lebt der Marokkaner Mohammed Addou in Bochum. Die Geschehnisse in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof haben auch ihn aufgeschreckt.
Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Kölner Übergriffe haben das Leben des Bochumers Mohammed Addou und anderer Marokkaner verändert. Addou warnt vor Pauschalisierungen.

Bochum.. Neujahrsstimmung 2016: Sorgen und Zweifel. Aber auch: Hysterie und Hetze. Das Schlagwort: nordafrikanische Straftäter, speziell aus Marokko. „Ich war erschrocken – sowas ist asozial“, sagt Mohammed Addou über den Silvester-Mob. „Die Polizei schuldet auch mir eine Erklärung: Wie konnte das passieren?“ Addou ist Marokkaner, lebt seit vier Jahren unbescholten in Bochum, doch auch für ihn hat sich einiges geändert.

Terror-Verdacht Den Humor hat er aber nicht verloren: „Hoffentlich legt sich das bis Sommer, sonst krieg ich noch Freibad-Verbot“, scherzt er. Was er jetzt bemerkt: „Diskotheken? Vorher schon schwierig, jetzt kannst du’s vergessen.“ Außerdem: vermehrte Polizeikontrollen und Leute die die Straßenseite wechseln, wenn er nach seiner Arbeit als Koch nach Hause geht. Auch wenn er viele Sorgen nachvollziehen kann: „Das kann doch nicht wahr sein. Repräsentieren diese Leute alle Marokkaner?“

Papiere sind schnell weggeworfen

Überhaupt hegt der 30-Jährige Zweifel an der Herkunft mancher Tatverdächtiger. Da im gesamten Maghreb auch Arabisch gesprochen wird, sei es ein Leichtes, seine Papiere wegzuwerfen und sich als Marokkaner auszugeben. Der Staat tut sich schwer damit, abgeschobene Ausländer aus Deutschland aufzunehmen – für Berufskriminelle ein Vorteil. Einmal war Addou im Düsseldorfer „Klein-Marokko“ unterwegs, lernte dort einen vermeintlichen Landsmann kennen und wollte sich in seiner Muttersprache, Berberisch, unterhalten: „Der verstand kein Wort.“

Dass es auch kriminelle Marokkaner gibt, möchte er nicht abstreiten: „Probleme mit Diebstahl und Drogen kannte ich auch dort“, sagt er. Er vermutet, die selben Personengruppen versuchen ihr Diebesglück nun hier.

Hassan Boutiyar kennt diese Phänomene. Was ihn aber bei der Debatte am meisten stört:

Flüchtlinge „Razzien wie in Düsseldorf hätte die Polizei schon vorher machen können. Auch in Köln – vielleicht wäre das dann gar nicht passiert“, meint er. Boutiyar lebt seit 30 Jahren in Deutschland, trotzdem hört sein Sohn Scherze wie: „Hast du gehört? Jetzt werden alle Marokkaner abgeschoben.“

Addou ist trotz allem froh, hier zu sein: Seine Heimat war ihm zu traditionell. So konservativ, wie manche meinen, sei sie aber auch wieder nicht: „Am Strand siehst du da auch Frauen in Bikinis.“ Im Bekanntenkreis hat sich nichts für ihn geändert. „Nur die Luzie hat jetzt Angst mit mir zu arbeiten“, scherzt er. Die Kellnerin schüttelt den Kopf und grinst: „Ach Mo“, sagt sie klopft ihm im Vorbeigehen auf die Schulter.