Ausflug in menschliche Ängste
19.02.2010 | 15:01 Uhr 2010-02-19T15:01:00+0100Schuberts „Winterreise” als szenische Darstellung von Schauspielern, Tänzern und Musikern im Kulturbahnhof
Gert Hille
Dahlhausen. Passend zur Jahreszeit präsentierte eine Gruppe junger Künstler von Hochschulen des Ruhrgebietes im „Haus der Kulturen Ruhr” einen Liederabend besonderer Art unter dem Motto: „Eine Winterreise”. Mit drei Vorstellungen kam ein neues Projekt im Bahnhof Dahlhausen zur Aufführung und begeisterte die vielen Besucher, die trotz Schnee und Kälte den Weg in die „One World Station” gefunden hatten.
Dort wurden sie nicht nur durch die Heizöfchen erwärmt, sondern auch durch die bewegenden, eindrucksvollen Darbietungen eines Ensembles von Musikern, die im Kammerorchester meisterhaft Jazz und Klassik beherrschten. Dazu gehörten auch Schauspieler, Sänger und Tänzer, die zu den Liedern von Franz Schubert mit seiner Komposition „Winterreise” das Thema zu den Aufführungen gefunden hatten.
Auf Initiative von Ellen Röcke begann das Ensemble im vergangenen Herbst mit der Probenarbeit in Essen und Bochum und entwickelte das Gemeinschaftsprojekt mit den Bahnhofsbetreibern von Prokulturgut. 16 bis 25 Studenten und Helfer haben zu dieser spartenübergreifenden Aufführung beigetragen. Sie kommen von der Folkwang-Hochschule, Uni Duisburg-Essen und die Techniker von der TU Berlin. Vorwiegend sind dabei die Fachbereiche Klassik, Jazz, Gesang und Tanz vertreten. Die Mitwirkenden kamen auch aus Griechenland, Russland, Polen, Frankreich und Iran.
Das künstlerische Prinzip von anderen Künsten zu lernen und sich davon inspirieren zu lassen, stand im Mittelpunkt der Arbeit. Davon profitierten auch die Besucher, die mit lang anhaltenden Ovationen die guten Leistungen belohnten. Schuberts „Winterreise” war ein Ausflug in menschliche Ängste und Abgründe, eine Lebens- und Liebesgeschichte, in die man sich gut versetzten konnte. Franz Schubert (1797-1828) hätte sicherlich auch an dieser Aufführung „Winterreise” Freude und Anerkennung für die spartenübergreifende gute Gemeinschaftsleistung gezeigt.
Ausschnitte aus dem Programm „Eine Winterreise” werden als Video-Inszenierungam Tag der „Extraschicht”, 19. Juni, im Haus der Kulturen Ruhr, Bahnhof Dahlhausen, zu sehen sein. Im Sommer ist ein Festival mit Künstlern auf dem Otto-Wels-Platz geplant. Infos unter www.prokulturgut.net
Die Gedichte von Wilhelm Müller (1794-1827) erhielten durch Schuberts Musik besondere Tiefe. Somit verbindet die „Winterreise” bereits zwei Kunstformen, Poesie und Musik. Mit der Interpretation im Kulturbahnhof Dahlhausen ging die „Winterreise” nicht mit der S-Bahn weiter, sondern durch Jazz- und Tanzszenen ergänzt. Damit wurde die Reise lebendig, übergreifend, sensationell und spannend fortgesetzt. Zur winterlichen Kälte passten auch einige Titel aus dem Gedichtzyklus: Die Wetterfahne, Erstarrung, Frühlingstraum, die Nebensonnen oder auch gefrorene Tränen. Dafür gab es keinen Grund, da waren mehr „Freudentränen” erwünscht für die erwärmende, kunstvolle Aufführung.

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