Letzte Fahrt - die Opel-Lok kommt ins Museum

Ein buchstäblich einzigartiger Blick. Ein ICE 2 fährt an dem im Hauptbahnhof stehenden Verband mit Dampf- und Opel-Diesel-Lok vorbei.
Ein buchstäblich einzigartiger Blick. Ein ICE 2 fährt an dem im Hauptbahnhof stehenden Verband mit Dampf- und Opel-Diesel-Lok vorbei.
Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Viele Trainspotter stehen auf Brücken und an Bahnhöfen, als die Opel-Lok V28-105 vom Opel-Werk in Bochum-Laer ins Eisenbahnmuseum nach Dahlhausen gezogen wird.

Bochum.. 52 Jahre lang hat sie ihren Dienst versehen. „Zuverlässig“, wie Marco Conredel versichert. Der 47-Jährige hat die DH 500, betriebsintern als V28-105 oder kurz als „die Fünf“ bezeichnet, als Lokführer bei Opel gefahren und weiß, dass sie eine treue Arbeiterin ist. Besonders zugkräftig, trotz ihrer vergleichsweise bescheidenen 500 PS, mit denen sie jahrzehntelang mit Motoren, Getrieben, Karosserien oder Ersatzteilen beladene Waggons gezogen hat. 1962 bei Henschel in Kassel gebaut, tritt die Diesel-Lok mit der Baunummer 30499 an diesem Dienstagabend ihre vorerst letzte Fahrt an.

Start am Opel-Bahnhof

Opel hat sein Werk geschlossen, Aber so wie der Autobauer nicht ganz die Stadt verlässt, sein Warenverteilzentrum bleibt, fährt auch die gelbe V28-105 mit dem Opel-Schriftzug und dem markanten Blitz auf der Flanke nicht weit weg. Das Eisenbahnmuseum in Dahlhausen ist ihr Ziel.

Zu ihrer letzten Dienstfahrt wird sie abgeholt. Standesgemäß. Auf der südlichen Seite von Werk I in Laer, am Bahnhof, wo früher die Autozüge ein und ausfuhren und wo auf zwei Etagen die Kadetts, Astras oder Zafiras aufgeladen wurden, fährt eine besondere Lok vor. Sie kündigt sich mit Rauchschwaden am Horizont an. Eine Dampflokomotive vom Typ P8 fährt ein. 1918 von der Berliner Maschinenbau AG gebaut, macht das Schmuckstück mit seinen 1200 PS heute noch 100 Stundenkilometer, wenn es sein muss.

Achsen machen sich lautstark bemerkbar

An diesem Abend ist Lokführer Christian Harzendorf gemächlich unterwegs – 25 km/h zeigt der Tacho. Gerade auf dem ersten Abschnitt Richtung Langendreer, einer Strecke mit historischer Dimension, da sie schon weit vor der Opel-Zeit von Kohlenzügen genutzt wurde, geht es eng zu zwischen den Bäumen und Sträuchern. Und der „Anhänger“, die gelbe Diesel-Lok auf ihrer Abschiedsfahrt, ist auch nicht mehr ganz so gut unterwegs. In Kurven macht sich eine der Achsen lautstark bemerkbar. Vor der Hauptuntersuchung, die irgend wann fällig wird und die einige Zehntausend Euro kosten kann, wird darauf zu achten sein.

Die letzte HU liegt schon einige Jahre und 12 735 Betriebsstunden zurück, davor war der Zähler wie schon einige Male zuvor auf Null gestellt worden. Wie viel Kilometer sie zurück gelegt hat, weiß Marco Conredel nicht auswendig. Im Betriebsheft, das Opel mit an das Museum übergeben hat, wird es detailliert aufgelistet sein. So viel ist sicher. Viel gefahren ist „die Fünf“; weit rum gekommen nicht. Sie fuhr entweder in Werk I, Werk II oder auf dem DB-Gleis zwischen Laer und Langendreer hin und her.

DB-Zulassung ist abgelaufen

Eigentlich hätte sie auch selbstständig nach Dahlhausen fahren können. Aber die Zulassung für das Schienennetz der Deutschen ist 2012 abgelaufen. So muss V28-105 auf ihrer ersten großen und vorerst letzten Fahrt gezogen werden. Und zwar abends, da sie dann besser in den regulären DB-Betrieb eingepasst werden kann. Geräuschlos geht sie aber nicht über die Bühne. Immer wieder lässt Lokführer „Harzi“ Harzendorf die schrille Pfiffe erschallen und noch viel häufiger macht es „Klick“ auf den etwa 20 Kilometern, die zwischen Laer, Langendreer-West, Hauptbahnhof, Höntrop, Essen-Eiberg,Essen-Steele und Dahlhausen liegen – an typischer Ruhrgebietsidylle vorbei wie Schrebergärten oder Schrottplätzen und mit ganz neuen Blicken auf die Welt dies- und jenseits des Bahndamms. Rauchwaden und Dampfgeruch versetzen mich unvermittelt zurück in meine Kindheit, als Dampfloks regulär zumindest noch im Güterverkehr eingesetzt waren.

Damals guckte kein Mensch richtig hin. Heute stehen Dutzende auf Bahnhöfen, an Schranken oder auf Brücken, um den außergewöhnlichen Zug zu sehen. „Das ist Opel, die letzte Fahrt. Das ist etwas besonderes“, sagt Simone Koppe, der seinen Fotoapparat auf ein Stativ geschraubt hat und in Essen-Steele auf das ungewöhnliche Gespann wartet. Zwischen 2000 und 3000 Eisenbahnfotos hat der 23-jährige Bochumer in seiner Sammlung.

„Ich habe in der WAZ von der Überfahrt erfahren“, sagt der Trainspotter. Erst hat er in Langendreer-West die Einfahrt fotografiert und dann, nachdem die Lok abgekoppelt wurde und an der andere Seite wieder angekuppelt wurde, auch die Ausfahrt Richtung Zentrum aufgenommen. Dann ist er dem Zug hinterhergefahren.

Opel-Lok neben ICE 2

Bis zum Hauptbahnhof, in den der gelbe Blitz eine Viertelstunde später unter den Augen vieler Eisenbahnfreunde mit Filmkamera, Fotoapparat oder Smartphone einfährt, hat er es nicht geschafft und so ein ungewöhnliches Motiv verpasst. Während die Lok-Kombination am Ende von Gleis 2 unter den Augen vieler Eisenbahnfans auf das grüne Licht zur Weiterfahrt wartete, fährt auf Gleis 3 erst ein ICE 2 und später ein ICE 3 vorbei. Fotos, die es so noch nie und vermutlich auch niemals mehr geben wird. Einzigartig.

Extra aus Ennepetal gekommen

„Schade, dass ich das verpasst habe“, sagt auch Stefan Kreuzer (34). Auch er hat in der WAZ von der Fahrt gelesen und ist gemeinsam mit Eisenbahn-Kumpel Daniel Heinz (23) aus Ennepetal angereist. Alte Züge, vor allem Dampfloks, mögen sie. „Und wenn ich sie vor einem besonderen Hintergrund fotografieren kann, ist das erst recht schön“, so Kreuzer. In Essen-Steele kommen sie voll auf ihre Kosten. Erst fährt die Dampflok vorneweg in den Haltepunkt ein, wird dann erneut ab- und auf der anderen Seite wieder angekuppelt, um die gelbe Diesel-Lok in Richtung Dahlhausen zu ziehen.

Dort erfolgt die „Wechselprozedur“ ein drittes Mal, um die neue Errungenschaft des Eisenbahnmuseums aufs Gelände bugsieren zu können. Und auch dort säumen Eisenbahnfreunde die Schienen. Jörg Lehmann ist unter ihnen. Eisenbahnverrückt, wie viele andere hier, ist er zwar nicht. „Aber das ist schon eine einmalige Sache“, sagt der 46-Jährige. Für einen Opelaner wie ihn ein Muss. Familie Lehmann hat vier Oldtimer der Traditionsmarke – „Die Lehmanns schwören auf Opel“, wie die WAZ im November berichtete. Ob auf der Straße oder auf der Schiene.

Die letzte Dienstfahrt endet im Lokschuppen hinter Tor 2

Es ist 21.48 Uhr, als die gelbe V28-105 erst auf die Drehscheibe vor den Lokschuppen mit seinen 14 Toren geschoben wird und schließlich hinter Tor 2 verschwindet. Es ist das Ende einer Dienstfahrt.

Und es ist beinahe Feierabend für Christian Harzendorf, den Lokführer. Ein Bier gönnen sich er und sein Heizer Simon Hermanns. Der 26-jährige Lehramtsstudent hatte mehr als sechs Stunden vor Fahrtbeginn damit begonnen, die Lok unter Dampf zu bringen. Jetzt steht er, das Gesicht rußgeschwärzt, zufrieden neben der 120 Tonnen schweren Koloss, der 21 Tonnen Wasser und sieben Tonnen Kohle fassen kann.

„Harzi“ Harzendorf nimmt einen Schluck aus der Pulle und erledigt dann die Restarbeiten. Eine Stunde dauert es, bis der Kessel erkaltet ist. Dann geht auch der 32-jährige Lokführer nach Hause. Feierabend. Obwohl: Feierabend gibt es nur im Beruf. Der hat bei Harzendorf zwar auch mit Zügen zu tun, er ist Dozent beim Verband Deutscher Eisenbahnfachschulen in Essen. „Aber das hier ist mein Hobby“, sagt er. Dass er „die Fünf“ ins Museum überführen durfte, empfindet er als Auszeichnung. „So viel wird auf dem Streckenabschnitt von Opel nach Langendreer nicht mehr passieren.“ Vielleicht war es sogar die allerletzte Fahrt.