Leser sehen beim Nachtforum eine Live-Operation
28.09.2010 | 12:04 Uhr 2010-09-28T12:04:00+0200
Bochum.So etwas gab’s beim Bochumer WAZ-Nachtforum noch nie. Erstmals in der dreijährigen Geschichte der beliebten Medizin-Reihe wurde eine Operation direkt übertragen. Zu sehen waren Live-Bilder einer Gallen-OP.
Filigran setzt Prof. Dr. Viebahn im OP-Saal die Schere an. Blut quillt hervor, als er mit geübtem Schnitt einen Gallenweg durchtrennt. In der Cafeteria geht ein Raunen durch die Reihen. Gebannt blicken die Besucher auf die Leinwand. Live-Bilder einer Operation: So etwas gab’s beim WAZ-Nachtforum noch nie.
Außergewöhnliche Einblicke in unser aller Innenleben gewährte am Donnerstagabend die 19. Ausgabe der beliebten Medizinreihe unserer Zeitung im Knappschaftskrankenhaus Langendreer. Werner Conrad, Leiter der WAZ-Redaktion Bochum, führte wieder als Moderator durch den Abend. Thema diesmal: „Kleine Wunde, große Wirkung: Minimalinvasive Medizin bei Volkskrankheiten.“ Für die rund 200 Leserinnen und Leser sollte es ein unvergesslicher Abend werden: Erstmals in der dreijährigen Geschichte des WAZ-Nachtforums wurde eine Operation direkt übertragen.
Eine der wirkungsvollsten Einsatzmöglichkeiten der minimalinvasiven Medizin bietet sich in der Augenheilkunde. Das Knappschaftskrankenhaus Langendreer zählt auf diesem Gebiet zu den bundesweit bedeutendsten Klinken. Jährlich erfolgen hier 4000 Linsen-Operationen.
„Der Fortschritt ist immens“, betonte der Direktor der Augenklinik, Prof. Dr. Burkhard Dick, beim WAZ-Nachtforum. Was in der Chirurgie im XXS-Format gelingt, schrumpft bei den Optik-Experten zur absoluten Winzigkeit: Ein-Millimeter-Schnitte genügen den Operateuren für ihre Eingriffe insbesondere beim Grauen und Grünen Star, die den Patienten nicht nur Sehkraft, sondern auch Lebensmut zurückgeben. Einmalig ist laut Prof. Dick ein Augen-Bypass, der die Tränenflüssigkeit kanalisiert. Die OPs seien weitgehend komplikationslos. „In der Regel sehen die Patienten noch am Tag der Operation besser.“
Den Durchblick wahren, in Gesundheitsfragen auf dem Laufenden sein, mit medizinischen Kapazitäten sprechen und Fragen stellen zu können: Für die 200 Besucher bot das 19. WAZ-Nachtforum binnen 130 Minuten jede Menge Informationen und Mehrwert. Für WAZ-Redaktionsleiter Werner Conrad war es wegen der Live-OP „ein Highlight“ der 2007 gestarteten Nachforum-Reihe. Fortsetzung folgt am Donnerstag, 2. Dezember. Im Knappschaftskrankenhaus heißt es dann: „Priorität Patientenwohl - Gilt der Eid des Hippokrates noch heute?“
Derweil ist das Wohl des Bochumers gesichert, der sich am Donnerstag vor „Live-Publikum“ der Gallenblasen-OP unterzogen hat. Prof. Dr. Viebahn am Freitag: „Ihm geht es gut. Schon eineinhalb Stunden nach dem Eingriff hat er mit seiner Frau telefoniert.“
Um die Möglichkeiten und Arbeitsweisen der so genannten Schlüsselloch-Chirurgie hautnah aufzuzeigen, nahm Prof. Dr. Richard Viebahn, Direktor der Chirurgischen Klinik, eine Gallenblasen-OP vor. Ein 30-jähriger Fernfahrer, der seit Wochen unter Koliken im Oberbauch litt, hatte sein Einverständnis erteilt, sich im Rahmen des Nachtforums unters Messer zu legen - quasi zu Studienzwecken.
Zwar mussten zart besaitete Seelen anfangs kräftig schlucken, als die Bilder der Mini-Kamera aus dem Bauchraum des Patienten auf die Leinwand projiziert wurden. Doch nachdem der erste Wegguckreflex überwunden war, schauten die Leserinnen und Leser gebannt, ja fasziniert zu, wie Prof. Viebahn und sein Team die Gallenblase samt dreier Gallensteine entfernte.
Schlüsselloch-Chirurgie
Falsche Ernährung und Übergewicht zählen zu den häufigsten Ursachen von Gallensteinen, erklärte der Leitende Oberarzt in der Medizinischen Klinik, Dr. Stefan He-ringlake, und Oberarzt Andreas Wunsch (Chirurgie) in ihrem Vortrag „Wenn die Galle hochkommt“. Symptome treten aber nur in einem Viertel aller Fälle auf. Bei dem Fernfahrer reichten drei kleine Schnitte in die Bauchdecke, um die endoskopischen Geräte einzuführen. Sein Hand-Werk verfolgt der Chirurg am Monitor. Kleinere Narben, raschere Erholung, weniger Schmerzen: Die Gallen-OP ist eines von vielen Beispielen für die Vorteile, die die minimalinvasive Medizin bieten soll.
Mit kleinsten Verletzungen von Haut und Weichteilen maximale Erfolge erzielen: das gelingt dank der „Schlüssellochtechnik“ auch in der Neurochirurgie, wie Oberarzt Dr. Sebastian Lücke erläuterte. Bei Wirbelsäulenoperationen genügen den erfahrenen Medizinern zentimeterkleine Schnitte als „Arbeitsportal“. Bandscheibenvorfälle etwa sind so ohne langwierige Nachwehen zu operieren. Bei Hirntumoren wird die Schlüsselloch- gar zur Nasenlochtechnik: Durch das Riechorgan gelangen die High-Tech-Instrumente der Chirurgen zu den erkrankten Hirnpartien.
Von durchweg positiven Erfahrungen mit der minimalinvasiven Medizin berichtete auch Dr. Christian Müller-Mai, Leitender Oberarzt in der Unfallchirurgie am Knappschaftskrankenhaus. Mit Hilfe der schonenden, aber hochwirksamen OP-Techniken können massive Schultergelenkserkrankungen gelindert oder behoben werden. Wenn die Schulter klemmt, ist ein frühzeitiger Arztbesuch zwar angesagt. Auch bei weit fortgeschrittenen Schäden am Gelenk gebe es aber Hoffnung.

0mitdiskutieren