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Eine eigene Geschichte

09.01.2008 | 15:56 Uhr

Karin Dunkel hat in ihrem ersten Buch "Knickelwasser" ihre Kindheitserlebnisse in der Werner Siedlung Kreta verarbeitet.Fliegeralarm begleitete 1941 die Geburt von Hauptperson Franziska. Erinnerungen an Care-Pakete und Kleinstwagen

Werne. Zwischen Weltkrieg und Wirtschaftswunder, zwischen Fliegerbomben und Goggomobil - in dieser Zeit haben zahllose Menschen ihre ganz eigene Geschichte, nicht selten eine tragische, erlebt. Karin Dunkel hat ihre Geschichte jetzt aufgeschrieben: Eigentlich wollte sie nur die Ereignisse ihrer Kindheit für ihre beiden Söhne zu Papier bringen, doch am Ende wurde ein richtiges Buch daraus.

Aus dramaturgischen Gründen macht Karin Dunkel in "Knickelwasser" die kleine Franziska, geboren am ersten Weihnachtstag 1941, zur Hauptperson, doch tatsächlich handelt es sich um die Aufzeichnungen ihrer eigenen Kindheit, die sie in der Siedlung Kreta verbrachte. Diese kleine Enklave an der Grenze zu Dortmund verdankt ihren Namen wohl der zum Ensemble gehörenden Kretastraße. Doch auch dass dies dort idyllisch zwischen den Feldern lag, wie eine Insel im Mittelmeer, mag dazu beigetragen haben, den Namen zu prägen.

Direkt zum Auftakt führt Franziskas Vater Hannes den Leser durch die Bergmanns-Siedlung, in der jeder jeden kennt und in der nicht mit "Guten Tag", sondern mit "Glück Auf" gegrüßt wird. Mitten in der eiskalten Nacht muss Hannes los, um die Hebamme zu holen, und wegen der Aufregung und der Verdunklung verpasst er auf dem Rückweg sein eigenes Haus, steht plötzlich beim Nachbarn im Flur. Dass während der Geburt Fliegeralarm ausgelöst wird, macht Franziskas Ankunft noch dramatischer, doch am Ende hält Mutter Elisabeth ein gesundes "Christkind" in ihren Armen.

Der Krieg dringt immer mehr ins Leben der Menschen auf Kreta ein: Franziskas großer Bruder kann nicht zur Taufe kommen, weil er bei der Kriegsmarine ist, Hennes gerät unter Tage in eine gefährliche Situation, weil er den Endsieg angezweifelt hat, und schließlich treffen Fliegerbomben das erste Haus der Siedlung. Die kleine Franziska bekommt das Ausmaß des Schreckens natürlich noch nicht so mit, doch sie entwickelt die leicht unheimliche Fähigkeit, das Nahen der Bomber oft schon vorm Ertönen der Sirenen anzukündigen. Wenn die Kleine "Hugzeuge kommen" ruft, geht es sofort ab in den Keller.

Als im April 1945 die Amerikaner einmarschieren, hängen auch auf Kreta weiße Tücher in den Fenstern. Nur wenige Monate später kommt das erste Care-Paket an, wobei Franziska natürlich besonderen Gefallen an der beiliegenden Schokolade findet. Mittlerweile ist auch der Bruder aus der Gefangenschaft zurück, und das Leben auf Kreta nimmt langsam wieder Formen an, obwohl es von der Normalität noch weit entfernt ist: Hamsterfahrten, Flüchtlinge aus dem Osten und die allgegenwärtige Gefahr durch Munition - Franziskas Einschulungs-Tag wird durch die Entschärfung eines Blindgängers gestört - prägen den Alltag.

Ein Schlag für die Familie ist die Diagnose einer Staublunge bei Hannes - der einst kräftige Hauer keucht nun schon, wenn er einen Eimer Kohlen die Treppe hinaufbringt. Doch es gibt auch erfreuliche und lustige Geschichten wie den Toto-Hauptgewinn der Mutter, Franziskas Fahrt im Kleinstwagen des Nachbarn oder ihre Erlebnisse mit betrunkenem Federvieh. Bis 1956 reicht die Erzählung - dann beginnt für Franziska eine neue Lebensphase, sie tritt in der Stadt eine Lehre als Rechtsanwaltsgehilfin an.

Karin Dunkel, die bereits einige Kurzgeschichten veröffentlicht hatte, benutzt eine leicht zugängliche Sprache dar, die gut zu den Erlebnissen einer ganz durchschnittlichen, aber auf ihre Art besonderen Bergmanns-Familie passt. Wer die Zeit selber erlebt hat, wird vieles wiederfinden. Alle anderen Leser bekommen unter anderem einen Einblick in das Leben im Ruhrgebiet, wie es einmal war. Damals, als es für ein Kind einen Festtag bedeutete, wenn es sich das titelgebende "Knickelwasser" leisten konnte, ein zuckriges Getränk, dessen Flasche mit einer Murmel verschlossen war. bg

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