Kita-Streik geht zu Lasten der Eltern

Gute Laune hat Ralph Gödeke, wenn er zu Hause mit seinen Söhnen Henrik und Mattis spielen kann. Allmählich wird der Kita-Streik zum Problem.
Gute Laune hat Ralph Gödeke, wenn er zu Hause mit seinen Söhnen Henrik und Mattis spielen kann. Allmählich wird der Kita-Streik zum Problem.
Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Väter und Mütter müssen Überstunden abbauen oder Urlaub nehmen, um den Kita-Streik zu bewältigen. Sie fordern die Tarifparteien auf, sich zu bewegen.

Bochum.. Zu Hause mit Papa, und das unter der Woche. Henrik und Mattis haben ihren Spaß. Auch Ralph Gödeke freut sich eigentlich, mal mehr Zeit für seine dreieinhalbjährigen Zwillinge zu haben. Aber die Umstände dafür sind alles andere als erfreulich. Zu Beginn der zweiten Woche des unbefristeten Streiks an städtischen Kindertagesstätten und anderen Sozialeinrichtungen hat der 47-Jährige die Nase voll.

„Da wir niemanden haben, der kurzfristig einspringen kann und unsere Zwillinge auch nicht in eine sogenannte Notgruppe mit unbekannten Erziehern an einem unbekannten Ort unterbringen möchten, haben wir ein großes Pro-blem.“ Zur Arbeit kann der Diplom-Sozialarbeiter die Jungen ebenso wenig mitnehmen wie seine Frau Nicole, die Lehrerin an einer Realschule in Herne ist. Momentan gleichen sie Überstunden aus. „Aber nächste Woche wissen wir nicht wie das gehen soll.“

"Familien wissen nicht mehr ein noch aus"

Wenn die Tarifparteien nicht zu einer Lösung kommen, muss er unbezahlten Urlaub nehmen. Zumutungen, die ihn ebenso ärgern wie nicht erstattete Leistungen. Zumal: „In unserer Kita wird gute Arbeit gemacht. Aber von uns wird schon durch zwei Konzeptionstage und die Brückentage viel Flexibilität verlangt. Und jetzt auch noch der unbefristete Streik.“ Es reicht aus seiner Sicht. „Wir hoffen, dass die Arbeitgeber sich endlich bewegen und Verdi von ihren unverhältnismäßigen Forderungen abrückt.“

Damit stehen er und seine Frau offenbar nicht alleine da. „Ich kenne einige Familien, die nicht mehr ein noch aus wissen“, sagt Melanie P. gegenüber der WAZ. Gerade Beschäftigte in kleinen Betrieben hätten oft nicht die Chance, Kinder mit zur Arbeit zu bringen oder Gleitzeiten zu nutzen.

Notgruppe kommt nicht in Frage

Sie selbst sei in einer komfortablen Situation, ihre Mutter habe die Betreuung ihrer Tochter übernommen. Andere hätten diese Möglichkeit aber nicht. „Eine Notgruppe kommt gerade für viele, die ihr Kind in der U 3-Betreuung haben, nicht in Frage.“

Bei allem Verständnis für die Forderung der Arbeitnehmer nach einer besseren Eingruppierung und Bezahlung ärgert sie sich vor allem darüber, dass es nach den Warnstreiks sofort zum unbefristeten Streik gekommen ist. „Ich dachte immer, der Druck würde allmählich aufgebaut und es müsse dann noch Steigerungspotenzial geben.“

Vor allem ziele die Maßnahme aus ihrer Sicht in die falsche Richtung. Die Arbeitgeber seien letztlich nicht berührt von den Kita-Schließungen und müssten weder Beiträge noch Zusatzleistungen erstatten. „Die einzigen Leidtragenden dieses Streiks sind die Eltern. Dass nach eineinhalb Wochen immer noch nichts passiert ist, ist für mich inakzeptabel.“

Eiskirch verspricht Rückerstattung

Nach dem Besuch von Thomas Eiskirch im Verdi-Streiklokal sieht Gudrun Müller, Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks Bochum-Herne, erste Fortschritte in der Tarifauseinandersetzung mit den kommunalen Arbeitgebern: „Wir sehen es als einen ersten Erfolg unseres Streiks an, dass die SPD in Bochum nun unsere Forderung unterstützt. Der Bochumer SPD-Vorsitzende Thomas Eiskirch hat erklärt, dass auch die Ratsfraktion seiner Partei diese Position teilt.“

Die Gewerkschaft erwarte nun, dass die Fraktion auch dem Verwaltungsvorstand dies als politischen Willen der Stadt mit auf den Weg gibt. Vor allem seien aber auch die Bochumer Bundestagsabgeordneten gefordert. Sie sollten „nicht länger schweigen, sondern in dieser Auseinandersetzung Stellung beziehen“, so Müller. „Die Streikenden wollen nicht nur ein Schulterklopfen, wie wichtig ihre Arbeit ist, sie wollen, dass diese Arbeit angemessen bezahlt wird.“

"Das Geld muss zurück zu den Eltern und Kindern“

Der SPD-Chef bezog derweil Position in der Frage nach der Rückerstattung von Kita-Gebühren: „Es kann nicht sein, dass Eltern für ihre Kinder eine alternative Betreuung suchen und gleichzeitig für die bestreikte Kita zahlen müssen. Das Geld muss zurück zu den Eltern und Kindern.“

Wegen des noch nicht genehmigten Haushalts sei das zwar derzeit nicht möglich. Sobald die Genehmigung vorliege, müsse man über das Wie der Rückerstattung reden. „Es kann nicht sein, dass die Stadt dann das Geld behält, was sie dadurch einspart, dass Verdi die Löhne aus der Streikkasse bezahlt.“ Möglich sei eine Rückzahlung an die Eltern, aber auch die Anschaffung zusätzlicher Ausstattung in den bestreikten Kitas, um die Betreuung und Förderung der Kinder zu verbessern.

Komba: Arbeitgeber wollen nicht verhandeln

Mit einem Demonstrationszug durch die Innenstadt und einer Kundgebung auf dem Dr.-Ruer-Platz starteten mehr als 200 Beschäftigte in Kindertageseinrichtungen, in Sozial- und Jugendämtern, offenen Ganztagsschulen sowie Familienhilfen aus verschiedenen NRW-Städten die zweite Streikwoche. Zu dem Aktionstag hatte der Komba-Ortsverband Bochum aufgerufen.

„Die Verhandlungsführer auf der Arbeitgeberseite sollten sich schämen, dass Sie uns durch Ihr Verhalten zum Streik zwingen. Wir würden gerne arbeiten, aber erst wieder, wenn ein verhandlungsfähiges Angebot vorliegt“, sagt Petra Zahn, Vorstandsmitglied im Fachbereich Erziehung der Komba-Gewerkschaft NRW. Ihre Gewerkschaftskollegin, Sandra van Heemskerk, Vorsitzende des Bundesfachbereichs Sozial- und Erziehungsdienst der Komba, bestätigt den Verhandlungsunwillen der Arbeitgeber. Es gelte durchzuhalten, bis es wieder Signale für fortführende Gespräche gebe.