Kein Schwanengesang
10.10.2008 | 19:50 Uhr 2008-10-10T19:50:02+0200WAZ-Gespräch mit Intendant Elmar Goerden zu Beginn seiner vierten Saison am Schauspielhaus:"Ich bin noch nie ein von der Kritik verwöhnter Regisseur gewesen". Neues Festival geplant
Gestern begann mit Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" die vierte Spielzeit der Intendanz von Elmar Goerden. Noch zur Eröffnung der dritten Saison hatte der Theaterleiter betont, nun seien er und das Ensemble in Bochum endgültig "angekommen", jetzt werde sozusagen kräftig durchgestartet. Das Ergebnis: Zum Ende der dritten Spielzeit gab Elmar Goerden bekannt, dass er seinen bis 2010 laufenden Vertrag nicht verlängern werde, da er dem Schauspielhaus und den eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden sei.
Diese freimütige Selbsteinschätzung wurde weithin als "nobel" goutiert, doch es gab auch Stimmen, die fragten, warum Elmar Goerden nach seinem Eingeständnis folgerichtig nicht sogleich die Intendanz niedergelegt hat. Dem widerspricht der Intendant im WAZ-Gespräch entschieden: "Das sind fünf Jahre, die man machen soll, für die man einsteht. Da geht man nicht einfach von Bord." Und mit Nachdruck stellt er fest: "Die Entscheidung ist so viel wert wie das, was daraus folgt." Und das sei "aufregendes Theater" in den ihm verbleibenden zwei Jahren.
Zwar habe seine Entscheidung hausintern zunächst einen Schock ausgelöst, doch momentan gebe es im Schauspielhaus "keine schwanengesangsmäßige Melancholie". Goerden beinahe euphorisch: "Ich bin gerade Tag und Nacht mit meinen Schauspielern zusammen. Das Leben hat sich auf die Bühne verlagert." Gemeint sind die Proben zu Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig". Er spüre "überhaupt keinen Verdruss", betont der Intendant. Niemand dürfe übersehen, dass das Schauspielhaus im Moment "über das beste Ensemble in Nordrhein-Westfalen" verfüge.
Doch alle Erfolge seiner Truppe - ob Schauspieler oder Regisseure - "sind bislang nicht mit dem Intendanten verbunden worden". "Als sei das alles vom Himmel gefallen", wundert sich Elmar Goerden. Auch im Ensemble habe sich im übrigen eine Art "Trotz" entwickelt.
Indessen: "Was gewesen ist, das ist passiert." Goerden: "Ich lebe in der Zeit, in der ich bin." Er habe die Stücke, die Schauspieler, die Regisseure: "Jetzt arbeiten wir, was das Zeug hält, machen die Sachen, auf die wir Lust haben." Für ihn sei es wichtig, "dass auf der einen Bühne etwas ganz anderes zu sehen ist als auf der anderen". So sei zum Beispiel mit Becketts "Endspiel" ein "finsterer Nagel reingehauen worden".
Er habe sich immer wieder "Schmerzpunkte" ausgesucht, "sperrige Stoffe", auch wenn diese "keine Selbstläufer" gewesen seien. "Da sind wir stur bis an den Grad der Verhaftung." Und zum Ende der Spielzeit sei ein ganz besonderes Festival geplant, über dessen Einzelheiten sich Goerden allerdings ausschweigt. Er werde sich darin allerdings bestimmt nicht mit verdienten Theatermachern wie Peter Zadek oder Claus Peymann beschäftigen, wie es während der Ruhr-Triennale von Jürgen Flimm im Schauspielhaus gepflegt worden war.
Er sei zwar noch nie ein "von der Kritik verwöhnter Regisseur gewesen" und auch "nicht übertrieben empfindlich", doch es stört Goerden, dass man ihn auf eine bestimmte Art festgeschrieben habe: "Und aus dieser Ecke komme ich auch nicht wieder 'raus." Und selbstkritisch meint er: "Vielleicht habe ich in den ersten zweieinhalb Jahren auch zu viel gemacht." Eigentlich sei er als Intendant nur zu zwei Inszenierungen pro Spielzeit verpflichtet. So wolle er es in seiner vierten Spielzeit nunmehr auch halten: Was er nach dem "Kaufmann" inszenieren werde, das wisse er allerdings noch nicht.
Auch die Doppelaufgabe als Regisseur auf der Bühne und als Intendant im ersten Stock habe vielleicht dazu beigetragen, dass seine Inszenierungen - wie manche Kritiker konstatierten - nicht so überzeugend ausfielen wie die Gastspiele, die von ihm aus München an der Königsallee zu sehen waren. Inszenierungen wie "Clavigo" oder "Eines langes Tages Reise in die Nacht" seien zu Ende seiner Münchner Zeit entstanden, erläutert Goerden. Da habe er das Ensemble schon sehr genau gekannt. Darum hätten diese Inszenierungen "etwas unheimlich Zwingendes".
Dessen ungeachtet: Ibsens "Rosmersholm" und Jon Fosses "Da kommt noch wer" zählt Elmar Goerden zu seinen stärksten Regieleistungen an der Königsallee. Seit gestern wissen wir, ob das auch für Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" gilt.

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