Kaum noch Kaninchenzüchter: Mümmelmann in Not

Einer der letzten Bochumer Züchter: Rolf Göbel mit einem der neugeborenen Kaninchen.
Einer der letzten Bochumer Züchter: Rolf Göbel mit einem der neugeborenen Kaninchen.
Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Rassekaninchenzucht in Bochum steht vor dem Aus: Der Kreisverband verzeichnet einen dramatischen Rückgang bei den Züchtern.

Bochum.. So niedlich die Wollknäuel sein mögen, so sehr sich die Kleinen in das Herz von Herrchen und Frauchen schnuppern und schmiegen, so aufwendig sich die Pflege und Ernährung des Nachwuchses gestaltet: Die fünf neugeborenen Kaninchen in Weitmar werden wie ihre Vorgänger namenlos bleiben. „Man muss“, sagt Rolf Göbel, „eine gewisse Distanz wahren. Sonst fällt es später zu schwer, die Tiere zu verkaufen.“

Der 74-Jährige weiß, wie der Hase läuft. Seit beinahe einem halben Jahrhundert züchtet er Kaninchen. Längst hat der ehemalige Bergmann erkannt, wo der Hase im Pfeffer liegt: Wie die meisten anderen Traditionsvereine, etwa Brieftauben- und Geflügelzüchter, plagen auch die Kaninchenzüchter massive Nachwuchssorgen. Die Entwicklung ist bedrohlich. Hält sie an, wird die Rassekaninchenzucht in Bochum alsbald aussterben.

Die Häsin muss zum Bock

Bei Rolf Göbel und seiner Frau Marianne (74) an der Holtingstraße ist das Brauchtum noch quicklebendig. „1947 zogen wir hier ein. Da war ich sieben. Mein Vater baute die Kaninchenzucht auf, zusammen mit Schweinen und Ziegen. Ich bin mit Tieren aufgewachsen. Das Viehzeug habe ich später abgeschafft. Die Kaninchen sind geblieben.“

In dem Anbau hinter dem Wohnhaus sind 38 Ställe aufgebaut, meist selbst gezimmert. 13 Kaninchen beäugen den Besucher neugierig. Rolf Göbel hat sich auf die Hasen-Rasse spezialisiert. Mit guten Geburtenraten. „Wichtig ist, die Häsin zum Bock zu bringen. Niemals umgekehrt! Zur Häsin darf niemand rein. Das gäbe Mord und Totschlag!“ Die „Belegung“ einer haarigen Dame hat erst kürzlich wieder funktioniert: Die fünf Jungtiere sind vor drei Wochen zur Welt gekommen.

Zweimal täglich werden die Kaninchen gefüttert. Für deren glänzendes Fell sorgt frisches Gemüse, vor allem Kohlraben und Möhren. Herr und Frau Mümmelmann mögen’s vitaminreich. Ein bisschen Geld kommt durch den Verkauf herein. Prachtexemplare bringen es unter Züchtern auf 40, 50 Euro.

Der Umgang mit dem lebenden Tier, die Spannung und Freude bei der Aufzucht, die Treffen bei den Schauen: „Es macht nach all den Jahren noch Spaß“, sagt Rolf Göbel, Ehrenmitglied des Kreisverbandes.

Der Niedergang scheint unaufhaltsam. Die Zuneigung der Züchter zu den hoppelnden Geschöpfen indes ist ungebrochen. Und das, obwohl deren Lebenserwartung nicht eben üppig ist. Ein Jahr nach der Geburt werden die Jungtiere auf den Ausstellungen präsentiert. Wer anschließend nicht das Glück hat, sein Dasein als Zuchttier zu fristen, landet im Kochtopf. Nicht nur, aber auch zu Ostern. Die „gewisse Distanz“ kann dabei nicht schaden.

In Bochum sind nur noch zwölf Züchter aktiv

Die Rassekaninchenzucht in Bochum beklagt einen rasanten Niedergang. „Zu den Hochzeiten in den 70er Jahren gab es hier 40 Vereine mit über 500 Züchtern“, sagt Detlef Schoppmeier (60), Vorsitzender des Kreisverbandes. Inzwischen ist es nur noch ein Häuflein Aufrechter (allesamt „alte Hasen“), das gewährleistet, dass die Ruhrgebiets-Tradition nicht komplett stirbt.

Drei Vereine existieren noch: in Weitmar, Werne/Laer und Langendreer. „Die Zahl der Mitglieder ist auf 32 geschrumpft, darunter ein Dutzend aktive Züchter“, schildert Schoppmeier. Die vor drei Jahren noch zwölfköpfige Jugendgruppe existiere „nur noch auf dem Papier. Junge Menschen haben heute andere Interessen – zumal die Zucht mit Arbeit verbunden ist“. Und: „Der heutige Wohnungsbau lässt kaum noch Möglichkeiten, daheim Kaninchen zu züchten. Das war früher in den alten Zechensiedlungen ganz anders.“

Statt in Kneipensälen oder Turnhallen („Da will man uns aus Hygienegründen nicht mehr“) organisiert der Verband die Zucht- und Rammlerschauen seit 2014 im Reit- und Fahrverein in Werne. Die Zeiten, in denen das abgezogene Fell der Tiere verwertet und bei den Ausstellungen verkauft wurde, sind zumindest in Bochum vorbei. „Bis vor wenigen Jahren fertigte die Frauengruppe Mäntel, Jacken oder Kissen an“, berichtet Detlef Schoppmeier. Doch: „Unsere Frauengruppe gibt es nicht mehr.“