Judo-Kurs in alter Pizzeria, weil Halle Asylunterkunft ist

Früher wurde hier Pizza serviert: Der TV Gerthe nutzt die Räume des ehemaligen „Calabrese“  als Trainingsstätte.
Früher wurde hier Pizza serviert: Der TV Gerthe nutzt die Räume des ehemaligen „Calabrese“ als Trainingsstätte.
Foto: FUNKE Foto Services / Olaf Ziegler
Was wir bereits wissen
Weil Turnhallen als Flüchtlingsunterkünfte dienen, musste der TV Gerthe notgedrungen umziehen: In einer ehemaligen Gaststätte fand der Verein Asyl.

Bochum.. Alles ist bereit fürs Judo-Training! Die Matten liegen aus, die kleinen Kämpfer toben schon freudig darüber. Sie tragen traditionelle weiße Judoanzüge mit farbigen Gürteln und haben riesigen Spaß daran, barfuß in fröhlicher Runde die Kunst des Fallens, Werfens und Abrollens zu erlernen.

Doch irgendwas ist hier seltsam: Denn seit vier Monaten findet das Judo-Training des TV Gerthe nicht wie üblich in einer städtischen Turnhalle statt, sondern in einer ehemaligen Gaststätte. Wo früher Pizza und Wein serviert wurden, werden heute Hüftwürfe geübt und Beinscheren angesetzt. „So richtig zufrieden ist damit keiner“, meint Gerhard Teske, Abteilungsleiter Judo, ziemlich zerknirscht. „Doch was sollen wir machen? Hauptsache, das Training fällt nicht aus.“

Der Paukenschlag für den TV Gerthe und für viele andere Sportvereine kam im Sommer: Wegen maroder Decken wurden diverse Turnhallen geschlossen. Unter ihnen die Sporthallen Am Ehrenmal und an der Frauenlobstraße, wo der TV Gerthe sein Judo- und Turntraining anbot. Erstmals in seiner über 100-jährigen Geschichte stand der Verein plötzlich ohne Halle da. Und als die Stadt schließlich dazu über ging, die Turnhallen als Unterkünfte für Flüchtlinge zu nutzen, schrillten beim TV Gerthe die Alarmglocken.

Nacht- und Nebelaktion

„Ich habe nichts gegen Flüchtlinge“, stellt Gerhard Teske klar. „Doch dass die Stadt einfach Tatsachen schuf, ohne uns zu informieren, ärgert mich noch immer.“

In einer „Nacht- und Nebelaktion“ habe der Verein seine sieben Sachen aus den Turnhallen heraus holen müssen. „Zum Glück stand unser Spind noch da“, sagt Jeanette Jonas, die das Kinderturnen leitet. „Alles andere war schon leer.“

Die Turngruppen konnten die erste Zeit mit Training im Freien überbrücken, für die Judoka war das schwieriger. „Unser Vorstand hat den Kontakt zum Vermieter dieses leer stehenden Ladenlokals geknüpft“, sagt Teske. Im ehemaligen „Calabrese“ an der Heinrichstraße 38 war mal eine Gaststätte und später ein italienisches Lokal, jetzt wird hier Sport betrieben.

Lautstärke ist ein Problem

Doch die Umstellung ist für den Verein nicht einfach. Zum einen ist die Mattenfläche wesentlich kleiner als zuvor. „Wenn viele Kinder auf so engem Raum Judo üben, dann steigert das natürlich das Verletzungsrisiko“, meint Gerhard Teske, der anmerkt, dass Judo eigentlich eine überaus sichere Sportart sei. Auch die Lautstärke beim Training sei beachtlich: „Wenn wir zwei Gruppen parallel trainieren, habe ich nachher echt einen dicken Kopf“, sagt Trainerin Daniela Foltyn.

Und natürlich tauchen immer wieder Hindernisse auf, die die Helfer vom TV Gerthe aber clever zu meistern wissen. Die ehemalige Küche wurde zur Umkleide für die Jungs umfunktioniert, die Mädels ziehen sich nebenan in einem Flur um. Die Schwingtür, durch die der Kellner früher die Pizza brachte, wird von einem Judogürtel fixiert: „Damit sich niemand die Finger klemmt“, sagt Jeanette Jonas.

Einige Mitglieder liefen davon

Doch der Umzug kostete dem Verein eine Reihe von Mitgliedern. „Viele wollten einfach nicht Sport in einer Kneipe machen, dabei ist das doch Quatsch“, sagt der 1. Vorsitzende Peter Wittkowski-Wiemann. Wie lang der Verein mit dem Provisorium noch leben muss, weiß niemand. „Das ist die große Frage. Aber erstmal sind wir froh, dass es überhaupt weiter geht.“

Not macht erfinderisch: ein Kommentar von Sven Westernströer

Das ist eine bittere Pille für viele Sportvereine: Über Jahrzehnte trainieren sie in ihren Turnhallen, bauen den Nachwuchs auf, pflegen das Vereinsleben – und plötzlich werden sie aus ihrer gewohnten Umgebung heraus katapultiert und müssen sich völlig neu aufstellen. Die Gründe sind nachvollziehbar, doch dass so mancher im Verein deswegen die Faust in der Tasche ballt, ist kein Wunder.


Umso lobenswerter das beherzte Engagement beim TV Gerthe: Man hätte die Judo- und Turnabteilungen auch einfach schließen können, doch mit viel Fleiß und tollen Ideen setzen sie couragiert ein Zeichen dagegen. Dieser Einsatz ist beispielhaft.

www.tv-gerthe.de