In der Stadt Bochum gibt es rund 2500 Glückspielsüchtige

Viel Geld verdient hat dieser junge Mann mit Online-Poker-Spielen. Monatelang lebte er sogar davon.
Viel Geld verdient hat dieser junge Mann mit Online-Poker-Spielen. Monatelang lebte er sogar davon.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Ein junger Bochumer hat mit Online-Poker viel Geld verdient. Im Schnitt waren es rund 3000 Euro im Monat. Jetzt arbeitet er als Versicherungskaufmann.

Bochum.. Wie verdienen Sie Ihr Geld? Mit Online-Poker. Das war für Ronny Joski (Name geändert) fast fünf Jahre lang die ehrliche Antwort. Heute geht Joski einer neuen Tätigkeit nach. Deshalb möchte er hier auch lieber anonym bleiben. „Eine Pokervergangenheit könnte für den Einen oder Anderen unseriös wirken“, sorgt er sich.

Sein Alltag als Pokerprofi war nie vorherzusehen: Wann er morgens aufstand, hing immer davon ab, wie lange er am Vorabend gespielt hatte. „Wenn da grad ein sehr profitables Spiel läuft, hör’ ich ja nicht auf.“ Im Laufe des Vormittags ging es dann an den Computer und ans Pokern. Was vielleicht chaotisch klingt, ist eigentlich das genaue Gegenteil. Joski lebte in keiner verwahrlosten Wohnung, in der sich Pizzakartons stapelten. Er war ein Pokerspieler mit System. Nur so konnte er damit seinen Lebensunterhalt bestreiten. Im Schnitt hatte er monatlich knapp 3000 Euro zur Verfügung.

Keinen Beitrag für die Gesellschaft

Nach zwei Jahren änderte sich dieses Gefühl: Das Spiel faszinierte ihn nicht mehr. „Ich war häufig müde und kam mir auch nutzlos vor. Ich hab’ ja keinen Beitrag für die Gesellschaft geleistet.“ Aber Joski ließ sich etwas einfallen: Ein Tapetenwechsel in die Bibliothek der Ruhr-Universität brachte neue Motivation. Zwischen büffelnden Studenten entstand sein neuer Arbeitsplatz.

Bevor Joski Online-Pokerprofi wurde, war er Profi-Fußballer. Er spielte unter anderem bei den Amateuren des VfL Bochum. „Ich war so richtig fußballbesessen und habe Tag und Nacht daran gedacht.“ Nach einer schweren Verletzung mit 20 Jahren fand Joski nie mehr richtig zur alten Form zurück. Seine Gedanken über Fußball wurden nach und nach durch Poker ersetzt. Es war im Jahr 2008, in der Zeit des Poker-Booms: Joski pokerte aus Langeweile im Internet und entdeckte sein Talent. Aber er wollte mit System spielen: Er las Bücher und analysierte Statistiken. Als er innerhalb von vier Monaten aus 200 Dollar 10 000 machte, wusste er: „Ich werde Profi“.

Heute ist er Versicherungskaufmann

Das war vor knapp fünf Jahren. Seit diesem Sommer ist Joski kein Pokerspieler mehr. Das bedeutet zwar erstmal weniger Geld, aber auch weniger Druck. „Die Pokerjahre waren toll. Ich bereue nichts. Jetzt im Nachhinein merke ich aber, dass da immer viel Druck dabei war.“ Für Joski ist klar, er war nie spielsüchtig.

Dr. Bert te Wildt ist Leiter der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums und stimmt Joski in diesem Punkt zu. „Professionelle Glückspieler sind in der Regel nicht süchtig, weil sie das Spiel unter Kontrolle haben“.

In Bochum gebe es nach Schätzungen 2500 Glückspielsüchtige. Te Wildt weiß aus seiner Erfahrung, dass Online-Poker eine häufige Variante davon ist. Für Joski war das Pokern ein Job. Im Schnitt hat er 130 Stunden pro Monat gepokert. Aber auch in den Stunden, in denen er nicht am Computer saß, dachte er daran. „Da lag ja Geld, das ich verdienen konnte.“

Irgendwann verlor das Spiel allerdings seinen Sinn. „Ich nahm Leuten Geld weg, die nicht so gut spielten wie ich. Die machten das zwar freiwillig, aber ich fühlte mich schlecht dabei.“ Als dieser Gedanke immer mehr Raum einnahm, musste er etwas ändern.

Heute lernt Joski etwas Solides: Er wird Kaufmann für Versicherungen und Finanzen. „Jetzt denke ich Tag und Nacht an Versicherungen.“