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Immer mehr Kinder werden Opfer von Gewalt

25.09.2012 | 18:39 Uhr
Immer mehr Kinder werden Opfer von Gewalt
Foto: WAZ FotoPool

Bochum.   Körperliche und seelische Gewalt, sexueller Missbrauch, Verwahrlosung: In Bochum müssen immer mehr Kinder aus ihren Familien geholt werden. Auf der anderen Seite fehlen Pflegeeltern, die die Jungen und Mädchen aufnehmen. Die meisten haben in ihrem jungen Leben bereits Unvorstellbares durchgemacht.

Niemand macht sich eine annähernde Vorstellung von den Undingen, die manche Eltern mit ihren Kindern anstellen “, heißt in einer Jubiläumsschrift zum 125-jährigen Bestehen des St.-Vinzenz-Kinderheims. 200 Jungen und Mädchen zwischen 0 und 18 Jahren werden im Haupthaus am Imbuschplatz und in sechs Wohngruppen betreut – 120 von ihnen dauerhaft.

Grausamkeiten kennen keine gesellschaftlichen Grenzen, weiß Einrichtungsleiterin Petra Funke. „Die Situation gerade in sozial schwachen Familien wird aus unserer Sicht aber zunehmend dramatischer. Zahl und Ausmaß von Gewalt steigen“, zeichnet die Diplom-Pädagogin im WAZ-Gespräch ein bedrohliches Bild. „Wir werden mit unfassbaren Schicksalen konfrontiert. Wir lernen Hartz-IV-Familien kennen, die ein Schattenleben führen, verzweifelt, zerrüttet, isoliert.“

"Die Sensibilität ist gestiegen"

Eltern seien drogenabhängig oder psychisch krank und fallen als Erzieher und Ernährer aus. „Nachbarschaftliche Fürsorge gibt es kaum noch.“ Leidtragende seien die Kinder, denen Gewalt angetan wird, die sich selbst überlassen sind. „Zu uns kommen Dreijährige, die noch nie auf einem Spielplatz waren“, schildert Petra Funke. Sie beobachtet auch, wie sich die Gewaltspirale fortsetzt: „Der Junge, der von seinen Eltern missbraucht wird, fesselt seine Schwester an der Heizung – und vergewaltigt sie.“

Es sind Fälle wie dieser, in denen das Jugendamt akut gefordert ist. 258 Kinder wurden 2011 sofort von ihren Familien getrennt und in Obhut genommen. 2006 waren es noch 148. Jugendamtsleiter Dolf Mehring macht dafür eine weitere Ursache aus. „Die Sensibilität ist gestiegen. Anwohner, Kindergarten, Schule: Es wird genauer hingeschaut. Und das ist auch gut so .“

Das St.-Vinzenz-Kinderheim sucht Bereitschafts- und Pflegefamilien, die ein Kind vorübergehend (bis zu sechs Monate) oder dauerhaft aufnehmen wollen. Infos: 0234/91 31 44 oder -45.

Das 125-jährige Bestehen des einstigen Waisenhauses wird am Donnerstag, 27.September, ab 15 Uhr u.a. mit einem Kinderfest im St.-Josef-Hörsaalzentrum gefeiert. Wir berichten noch ausführlich.

Jürgen Stahl



Kommentare
26.09.2012
16:22
Immer mehr Kinder werden Opfer von Gewalt
von ergo-oetken | #1

Aus privater (Missbrauchsopfer) und beruflicher (Ergotherapeutin) Perspektive kann ich nur bestätigen, dass sich Interventionen und seien sie auch noch so klein lohnen.

Jedes Kind, dass die Chance bekommt, einem übergriffigen Umfeld zu entfliehen, ist eines, bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass es selbst erlebte Misshandlungen an eigene oder fremde Kinder weitergibt sinkt.

Dabei habe ich den Eindruck, dass Kinder aus sozial schwachen Familien sogar eher Hilfe bekommen, als "wohlstandsverwahrloste" Kinder, bei denen der Täter oder die Täterin sich im Zweifelsfall einen "guten" Anwalt leisten kann, falls jemand von außen versuchen sollte, den Missbrauch aufzudecken oder sich das Kind Hilfe holt.

Ich finde, dass jedes Kind in Deutschland von Geburt an einen "Kinderanwalt" zugewiesen bekommen sollte, der seine Rechte gegenüber unfähigen und übergriffigen Erwachsenen vertritt und durchsetzt.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit

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