„Im Westen nichts Neues“ feiert Premiere in Bochum

Das jungendliche Ensemble zeigt sich spielfreudig
Das jungendliche Ensemble zeigt sich spielfreudig
Foto: Küster
Was wir bereits wissen
Im Theater Unten bringt Henner Kallmeyer mit Folkwang-Schauspielschülern eine eher unterhaltsame Inszenierung des Antikriegs-Klassikers von E.M. Remarque heraus.

Bochum.. Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“, erschienen 1928, ist wegen seiner schonungslosen Kriegsschilderungen weltberühmt. Nun hat sich Regisseur Henner Kallmeyer am Schauspielhaus des alten Stoffes angenommen und sich an einer bühnengerechten Modernisierung versucht. Ganz geglückt ist sie nicht.

Das Theater Unten hat sich in ein vergammeltes Gartenlokal verwandelt (Bühnenbild und Kostüme: Franziska Gebhardt). Die Pergola hat Löcher, die Tische sind länger nicht mehr abgeräumt worden, der Tanzboden ist rissig. Da entert plötzlich ein wilder Haufen wilder Gestalten den unwirtlichen Platz. Zehn Jugendliche rauschen heran wie Gestalten aus einem Fantasy-Thriller, sympathisch, aber gespensterhaft, in schicker, altmodischer, aber verdreckter Abendgarderobe. Doch kommen sie nicht einfach herbeispaziert, sondern klettern wie Lemuren unter Gejohle über die brüchigen Kulissenwände. Und das Spiel beginnt.

Stampfende Disco-Nummer

Die bleichen Gestalten sind im richtigen Leben Folkwang-Schauspiel-Schüler, im Stück sind sie (lebende, tote, tot, aber lebendige?) Soldaten, die den Schützengräben entkommen sind und sich im verwunschenen Garten vergnügen wollen. Anfangs waren sie noch glücklich, in den Krieg zu ziehen. Bald waren aber von 20 nur noch zwölf übrig, der Rest tot, verwundet, irre geworden. Jetzt sind sie, Teenies noch, schon Veteranen, denen das Grauen nicht vergeht. Der Tod ist bei allem Lebenshunger immer nur kurz außer Reichweite, und immer im Hinterkopf.

Regisseur Kallmeyer bedient sich ausgewählter Versatzstück aus Remarques Roman als Gerüst für seine Aufführung und fächert kaleidoskopartige die schaurigen Erlebnisse der armen Frontschweine auf. Das macht zunächst Sinn. Die Soldaten erzählen von Amputationen und von brüllenden, verendenden Pferden, von Gasangriffen, von Trommelfeuer in der Nacht so nüchtern, als wären es Selbstverständlichkeiten.

Dann fallen sie sich in die Arme, legen zur Titelmusik der US-Koreakriegsposse M.A.S.H. eine Art Kreuzigungs-Musical hin, stampfen heftig zu einer Disco-Nummer, singen gemeinsam zur Klampfe. Im Augenblick darauf liegen alle wieder im Dreck, weil die Granaten einschlagen, weil der Gasangriff kommt, weil der Feind in die mit Wasser vollgelaufenen Gräben eindringt.

Mal laut, mal totenstill

Perfekt getimt, entfaltet sich so ein Nebeneinander von prallem Theaterzauber und der Anrufung des Schrecklichen. Miriam Haltmeier, Stefan Herrmann, Christina Jung, Michael Knöfler, Pola Jane O’Mara, Maximilian Pulst, Andreas Rother, Luana Velis, Benjamin Werner und Luca Zahn schmeißen sich mit Verve in ihre Rollen. Und doch verfängt der Abend nicht wirklich. Die oft laute, manchmal totenstille, aber nie in sich ruhende Inszenierung rauscht ohne Zwischentöne in einer guten Stunden am Zuschauer vorbei. Außer dem mitreißenden Spiel der jungen Darsteller/innen und den hübschen Kostümen bleibt kaum ‘was hängen.

Hier wird unterhaltsam vom Krieg erzählt, aber dessen monströse Grausamkeit wird trotz all der ständigen Schauergeschichten nicht wirklich fassbar. Aber wie sollte es auch? Theater ist eben schöner als Krieg. Zum Glück.