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"Ich wünsche, dass alles gut geht"

09.12.2007 | 19:27 Uhr

Alfred Salomon erinnert sich an das Leben in der Gemeinde vor dem Pogrom Er setzt viel Hoffnung in den Neubeginn an der Castroper Straße Mit Alfred Salomon (88)

SCHWERPUNKT/MONTAGSGESPRÄCH: ZUR ERÖFFNUNG DER NEUEN SYNAGOGE (TEIL 3), dem mittlerweile einzigen noch in Bochum lebenden Mitglied der jüdischen Gemeinde der Vorkriegszeit sprach WAZ-Redakteur Michael Weeke. Er überlebte Auschwitz und sorgte nach dem Krieg mit dafür, dass in Bochum überhaupt wieder jüdisches Leben neu entstand. Alfred Salomon ist Mitglied des Gemeinderates und beteiligt sich trotz seines hohen Alters noch rege am Gemeindeleben.

Was waren ihre Gefühle, als Mitte der 90er Jahre der Gedanke an eine neue Synagoge für Bochum entstand?

Salomon: Ich möchte ehrlich sein. Damals war ich eher skeptisch. Zunächst favorisierte ich die Renovierung der alten Räume in Laer. Damals hatte die Gemeinde aber nur rund 50 Mitglieder. Das war vor dem Zuzug der jüdischen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Heute bin ich anderer Meinung. Es hat sich alles geändert.

Was führte dazu?

Salomon: Zunächst einmal der rasante Zuwachs an Gemeindemitgliedern. Natürlich haben gerade zu Beginn zahlreiche Einzelpersonen in dieser Stadt mitgeholfen, die Idee zu verwirklichen. Stellvertretend möchte ich hier den ehemaligen Oberbürgermeister Ernst-Otto Stüber und den früheren Leiter der Ev. Stadtakademie, Manfred Keller, nennen. Vor allem die "Bochumer Erklärung" (Anm. d. Red.: Bochumer Persönlichkeiten setzten sich für den Bau einer Synagoge ein) und der Freundeskreis Bochumer Synagoge halfen mit, diese Idee umzusetzen.

Welche Erinnerung haben Sie eigentlich an die alte Synagoge in der Wilhelmstraße?

Salomon: Der damalige Kantor der Gemeinde Erich Mendel hatte eine wunderbare Tenorstimme und er hat mich schließlich auch dazu gebracht, im Gemeindechor mitzusingen. Ich bin aber meist nur an Freitagen in die Synagoge gegangen, denn an den Sonntagen musste ich meinem Vater im Geschäft helfen, Fleisch einzupacken (Anm.d. Red. seine Eltern hatten eine Fleischerei).

Wie war diese Gemeinde eigentlich ausgerichtet?

Salomon: Die jüdische Gemeinde vor dem Krieg in Bochum war eine liberale Gemeinde. Für die orthodoxen Juden wurde damals ein eigener Gebetsraum in der jüdischen Schule eingerichtet. Das waren vornehmlich Menschen, die aus Galizien nach Deutschland eingewandert waren.

Wo haben sie die Pogromnacht am 9.November 1938 erlebt?

Salomon: Ich kam am Tag nach dem Pogrom aus Berlin, wo ich damals arbeitete, in Bochum an. Doch aufgrund der Verfolgungen entschloss ich mich, die Stadt gleich wieder zu verlassen. Von den eigentlichen Verwüstungen habe ich nichts mitbekommen. Doch den Brandgeruch in der Stadt habe ich wahrgenommen. Daran kann ich mich gut erinnern. Mit Hilfe der Tochter eines damaligen Bochumer Schulrektors gelang es mir, um Mitternacht den Schnellzug nach Berlin zu erreichen und aus der Stadt zu fliehen. So bin ich den Verfolgungen im Umfeld der Pogrome in Bochum entgangen.

Sie wurden nach Auschwitz deportiert und haben das Konzentrationslager überlebt?

Salomon: An der Selektions- Rampe wurden Elektriker gesucht, da habe ich mich gemeldet, denn ich hatte in Berlin Elektriker gelernt. Fachleute wurden im Buna-Werk der IG Farben in Auschwitz gesucht. Dieser Umstand hat mir wohl das Leben gerettet. Meine Frau wurde in den Gaskammern von Auschwitz umgebracht.

Wie ging es nach dem Krieg weiter?

Salomon: Der verstorbene Siegbert Vollmann und ich haben die jüdische Gemeinde in Bochum im Sommer 1945 in einer Mansardenwohnung in der Rombergstraße (Anm. d. Red.: dort wohnte damals das Ehepaar Vollmann) wieder gegründet. Genehmigt wurde die Gründung von den englischen Besatzungsbehörden. Wir waren knapp 20 Personen, weit über die Hälfte davon Frauen. Es war ein sehr schwieriger Anfang.

Welche Hoffnungen und Wünsche verbinden Sie mit der neuen Synagoge?

Salomon: Ich wünsche der jüdischen Gemeinde, dass alles gut geht. Ich möchte und mir ist das ganz wichtig - das werde ich auch zur Eröffnung am Sonntag sagen - der Bevölkerung für ihren Einsatz zu danken.

Wie beurteilen Sie die Chance der Integration der russischsprachigen Juden in der Gemeinde?

Salomon: Ich glaube, dass dies erst in der zweiten oder gar dritten Generation möglich sein wird.

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