Heute undenkbar: Tankstelle mitten in der Stadt

Von 1960 bis 1970 wurde die Tankstelle auf dem Dr.-Ruer-Platz betrieben, an ihrer Stelle steht heute der „Pralinenpavillon“. Über sie lief auch der Tiefgaragenverkehr. An der rechten Seite der Tankstelle war die Einfahrt über eine Spindel nach unten. An der linken Tankstellenseite (unter dem Schild „Wagenpflege“) war die Ausfahrt.
Von 1960 bis 1970 wurde die Tankstelle auf dem Dr.-Ruer-Platz betrieben, an ihrer Stelle steht heute der „Pralinenpavillon“. Über sie lief auch der Tiefgaragenverkehr. An der rechten Seite der Tankstelle war die Einfahrt über eine Spindel nach unten. An der linken Tankstellenseite (unter dem Schild „Wagenpflege“) war die Ausfahrt.
Foto: Stadt Bochum, Presseamt
Was wir bereits wissen
Dass der Dr.-Ruer-Platz heute nicht mehr so viel Verkehr verträgt, kann Peter Hebeler (86) nicht verstehen. Er betrieb lange Jahre das Tiefparkhaus.

Bochum.. Peter Hebeler war erstaunt. „Tiefgarage wird wöchentlich auf Statik überprüft“, titelte die WAZ am 18. Mai einen Bericht über die Tiefgarage unter dem Dr.-Ruer-Platz. Darin geht es um die Frage, ob das Bauwerk die ohnehin längst begrenzte Verkehrsbelastung noch verträgt. „Wieso nicht?“, entfuhr es dem 86-Jährigen, seit mehr als 50 Jahren treuer WAZ-Leser. Er griff zum Telefonhörer und rief die Redaktion an. „Hallo, mein Name ist Hebeler. Ich habe 21 Jahre lang die Tiefgarage unter dem Dr.-Ruer-Platz betrieben. Die ist sicher.“

Der Mann ist ein Pionier. Er und seine Frau Sieglinde (83) sind Pioniere. Sie kennen sich seit Kindertagen und sind seit mehr als 60 Jahren verheiratet. Sie nahmen 1960 das Angebot des Essener Kaufmanns Wilhelm Siepmann an, das gerade fertiggestellte und vermutlich 3,5 Millionen D-Mark teure Bauwerk zu betreiben. „Es war das erste Tiefparkhaus Deutschlands“, sagt Hebeler. Tiefgaragen, Parkplätze unter Häusern, habe es wohl schon gegeben. Tiefparkhäuser, wie es damals hieß, aber nicht. In drei Etagen ging es unter die Erde, etwa 200 Plätze standen zur Verfügung. Doch die blieben zunächst oft leer. „Es gab Berührungsängste. Die Leute kannten das noch nicht.“

Zufahrt folgte über eine Spindel

Zumal Ein- und Ausfahrt etwas verzwickt waren. Rein- und Rausgefahren wurde über eine Spindel; eine schneckenförmige Rampe – die erste der Republik. Sie gehörte zu einer Tankstelle, die über der Tiefgarage an jener Stirnseite des Platzes lag, die an die Huestraße grenzt.

Eine Tankstelle mitten im Zen-trum? Anfang der 1960er Jahre war das möglich. Die Rheinpreussen GmbH hatte sie bauen lassen. „Texaco“ prangte über der Anlage, die bis Anfang der 1970er Jahre den Platz beherrschte und über die die Tiefgarage befahren wurde. Auch die Tankstelle betrieben die Hebelers, wie die 70 Parkplätze auf dem Platz, an denen Parkuhren angebracht waren.

Sofort begeistert

Kein kleines Unternehmen. Und eines, das seinem Betreiber viel Freude machte. „Ich war sofort begeistert, als ich das Angebot bekam“, sagt Peter Hebeler. „selbstständig zu sein und frei entscheiden zu können“, das wollte der gelernte Stahlbauschlosser schon immer.

Er musste findig sein, um das Geschäft in Gang zu bringen. Die Stellflächen auf dem Platz wurden gut genutzt. Die Tiefgarage zunächst nicht. „Daher habe wir Dauerparkplätze eingerichtet und vermietet“, erzählt Sieglinde Hebeler. Noch heute existiert eine Liste aus jener Zeit mit Namen und Unterschriften der Kunden. Das Kaufhaus Baltz habe 30 gemietet. Das habe ebenso geholfen wie die Bereitschaft der Geschäftsleute, den Kunden das Parken für eine Stunde zu erstatten. 30 Pfennig waren das in den Anfangsjahren. Erst später verschwanden die Dauerparkplätze. Weil damit kein Geld zu verdienen sei und weil immer öfter die Dauerparkplätze vom Kurzzeitparkern belegt wurden. Das Geschäft brummte.

Tanklastwagen und viele Pkw fuhren auf dem Dr.-Ruer-Platz

Das Parken in der Tiefe funktionierte so: An der rechten Seite der Tankstelle ging es am Pförtnerhäuschen vorbei, ein Bediensteter gab dem Fahrer ein gestempeltes Ticket. Dann ging es über die Spindel hinab. Vor der Ausfahrt musste das Billett beim Schalter bezahlt werden. Zusätzliche Einnahmen sicherten sich die Hebelers über ihr Serviceangebot. Auf der zweiten Ebene hatten sie zwei Servicestationen eingerichtet, wo Autos gewaschen und gereinigt wurden. „Erst waren die Leute skeptisch. Aber später haben sie uns die Schlüssel gegeben, wir haben die Autos nach unten gefahren und den Service erledigt“, so Sieglinde Hebeler.

40.000 Liter Benzin im Monat

Zehn Jahre nach der Eröffnung war es vorbei mit der Tankstelle, an der monatlich etwa 40.000 Liter Benzin und Super verkauft wurden. „Wir stellten plötzlich fest, das wir kein Benzin mehr hatten“, so Hebeler. Die Tanks, 5000 und 3000 Liter groß und an der Seite zwischen „Uhle“ und Tankanlage in der Erde vergraben, hatten offenbar Lecks. Proben wurden genommen, weil befürchtet wurde das Grundwasser könnte verunreinigt sein. „Aber es wurde nichts festgestellt.“ Trotzdem war das Tankstellengeschäft zu Ende. Die Tanks wurden ausgegraben, die Tankstelle später abgerissen. Aber Hebelers blieb das Parkgeschäft. Bis 1981 betrieben sie es. „Dann wollte es die Stadt selbst übernehmen“, sagt Peter Hebeler.

Geblieben sind Erinnerungen. So an die Schlepperei der Münzen, die in Säcken zur Sparkasse und später zur Commerzbank getragen wurden. Oder die an das Geschäft „Blumen von Marlene“ an der Tankstellenrückseite. Es gehörte Marlene Schmidt, Miss Universum 1961.

Bleibt die Frage, was mit der womöglich zu großen Last ist, die vielleicht auf der Tiefgarage liegt. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, so Peter Hebeler. „Früher fuhren dort oft die Tankfahrzeuge her. Außerdem standen auf dem Platz 70 Autos.“ „Und dann wurde für C&A ja auch ständig Ware angeliefert“, ergänzt Sieglinde Hebeler. In einer Toreinfahrt neben der damaligen WAZ-Geschäftsstelle verschwanden die großen Laster mit Anhänger. Kein Vergleich zu heute.